Leseprobe
Jack & Clara · Band 14
Die Asche lügt
Kapitel 1 – Die Tochter des Hauses
Acht Jahre zuvor
Der Kellner sagt ihr zum zweiten Mal, dass die Terrasse geschlossen ist.
Clara sieht auf seine Hand. Er hat sie gegen den Türrahmen gelegt, nicht direkt vor sie, aber deutlich genug. Junge Finger, saubere Nägel, eine kleine Brandwunde am Daumen. Er arbeitet vermutlich seit dem Nachmittag und möchte diesen Teil des Abends hinter sich bringen.
„Dann mach sie auf.“
„Es gibt eine private Veranstaltung.“
„Ich bin privat.“
Hinter ihr lacht ein Mann. Clara dreht sich nicht um. Sie kennt das Lachen seit zwei Stunden und wird es morgen nicht mehr kennen müssen. Der Kellner schaut über ihre Schulter zu ihm, sucht die Person, die vernünftiger sein könnte. Das ist sein Fehler. Clara tritt näher. Sie spricht leiser, als sie vorher gesprochen hat.
„Du nimmst jetzt die Hand weg. Danach kannst du entscheiden, ob du uns etwas bringst oder jemanden holst, der es tut.“
Er erkennt sie erst, als sie den Kopf ein wenig neigt und das Licht auf die Narbe an ihrem Kinn fällt. Sein Blick springt von der Narbe zu ihren Augen. Die Hand geht aus dem Türrahmen.
Auf der Terrasse spielt ein Streichquartett für Menschen, die nicht zuhören. Clara nimmt den Tisch mit Blick auf den Pool. Der Mann setzt sich ihr gegenüber, legt den Schlüssel seines Wagens neben das Glas und lächelt, als hätte er die Terrasse geöffnet.
Sie lässt ihn lächeln.
Er heißt Nicolás. Dreiunddreißig, behauptet er. Er sieht jünger aus und spricht, als hoffe er, dadurch älter zu werden. Importgeschäft, sagt er. Kontakte in Miami. Ein Onkel mit einem Haus am Meer. Clara hört ihm zu, während sie die anderen Tische prüft. Zwei Leibwächter am Eingang, einer am Aufzug. Die Frau in Rot kennt Salazar. Der Mann, der beim Lachen die Hand vor den Mund hält, schuldet Teresa Geld. Nichts Überraschendes.
Nicolás berührt ihr Handgelenk.
„Du hörst mir gar nicht zu.“
„Doch. Dein Onkel ist reich.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Du hast es seit zehn Minuten gesagt.“
Er lacht wieder. Diesmal unsicher. Clara streicht mit dem Daumen über seinen Handrücken, und er hält den Atem an, als habe sie sich gerade erst für ihn entschieden.
Vielleicht hat sie das.
Ihr gefällt, dass er gut riecht. Dass er nichts von ihr wissen will, was nicht in ein Kompliment passt. Er fragt nicht nach den Narben, nachdem sie ihm einmal gezeigt hat, dass sie keine Antwort geben wird. Er glaubt, sie sei gefährlich auf die Art, die man später erzählen kann.
Sie ist müde genug, ihm diesen Irrtum zu lassen.
Das Telefon vibriert. Salazar.
Clara lässt Nicolás' Hand los und nimmt ab.
„Was?“
Eine Ladung steht fest. Nicht an der Grenze, davor. Falsche Papiere, sagt Salazar. Ein Fahrer sei verschwunden, der Ersatz weigere sich, weiterzufahren. Clara schließt die Augen. Hinter den Lidern pocht der Druck, den das Kokain für eine Weile in etwas Angenehmes verwandelt hatte. Jetzt ist nur noch das Pochen da.
„Wo?“
Salazar nennt den Hof.
„Wer ist dort?“
„Camilo.“
„Dann soll Camilo es lösen.“
„Die Señora will, dass du kommst.“
Clara öffnet die Augen.
Nicolás nimmt seinen Schlüssel vom Tisch. Clara sieht ihn an. Er legt ihn wieder hin.
„Zwanzig Minuten“, sagt Clara und legt auf.
Neugierig, wie es weitergeht?
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