Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 3

Der gekaufte Zufall

Kapitel 1 – Die zwei Türen

„Vier Minuten.“

Jack Marlow sah auf den Plastikbecher in seiner Hand.

Das Wasser zitterte.

Nicht viel. Nur kleine Kreise an der Oberfläche, jedes Mal, wenn draußen zehntausend Menschen mit den Füßen auf den Boden kamen.

Wumm.

Wumm.

Wumm.

Sie warteten darauf, dass die Tür aufging. Dass zwei Menschen, die sich angeblich noch nie gesehen hatten, vor ihren Augen heirateten. Dass die beiden Verurteilten den kurzen Weg ins Licht antraten.

Er stellte den Becher auf den Tisch.

Er nahm ihn wieder.

„Vier Minuten“, wiederholte die Frau auf dem Flur, obwohl seit dem ersten Mal höchstens zehn Sekunden vergangen waren.

„Hab ich gehört.“

Keine Antwort.

Das Schloss klickte.

Jack sah zur Tür.

Stahl. Kein Fenster. Griff auf seiner Seite, Schloss auf der anderen.

Sehr beruhigend.

Er zog am Knoten seiner Krawatte.

Zu eng.

Er lockerte ihn einen Millimeter und zog ihn wieder fest.

Der Raum hatte vier weiße Wände, einen grauen Teppich und einen Spiegel, in dem man sich ansehen konnte, ohne etwas über sich zu erfahren.

Auf einem Tisch lagen Ersatzbatterien, zwei Packungen Taschentücher und ein Blatt mit dem Logo der Produktion.

Darauf stand ein Satz.

Für den Fall, dass er abbrechen wollte.

Jack hatte ihn nicht gelesen.

Evan hatte ihn gelesen.

„Sie brauchen nur den ersten Satz“, hatte er gesagt.

„Dann brauch ich das Blatt nicht.“

„Genau deshalb brauchen Sie es.“

Das Blatt lag noch immer da.

Jack sah nicht hin.

Draußen wurde geklatscht.

Ein Moderator sagte etwas. Die Wand schluckte die Wörter und ließ nur die Begeisterung durch.

Jack schloss die Augen.

Für eine Sekunde roch der Raum nicht mehr nach Teppichkleber und Klimaanlage.

Staub.

Kiefernharz.

Sonnencreme.

Berlin, fünfzehn Jahre früher.

Ein Ferienlager am Stadtrand. Sein Vater hatte ihn dort abgeladen, weil ein Pokerturnier dazwischengekommen war. Eigentlich hätte Jack zu seiner Mutter in die USA fliegen sollen.

In seinen Spind passten drei T-Shirts, zwei Hosen und ein Paar Turnschuhe. Am ersten Tag hatte er alles gefaltet. Nach Farben.

Clara hatte ihre Sandalen im Gras liegen lassen.

Einfach so.

Am nächsten Morgen suchte sie sie.

Jack wusste genau, wo sie standen.

Er hatte sie abends aufgehoben und ordentlich neben die Tür gestellt.

„Meine Schuhe!“

Sie hatte sich gefreut. Richtig gefreut, beide Sandalen an die Brust gedrückt.

Dabei waren es Schuhe gewesen.

Zwei Wochen später lag Jack hinter einer Baracke im Staub und schmeckte Blut.

Der Junge, der ihn geschlagen hatte, war mindestens einen Kopf größer.

In Jacks Erinnerung waren es drei.

Das änderte nichts am Ergebnis.

Jack hatte verloren.

Deutlich.

Der andere Junge musste trotzdem das Camp verlassen.

Clara war geblieben.

Sie hatte sich vor Jack gekniet, sein Gesicht mit dem Saum ihres T-Shirts abgewischt und dabei das Blut mehr verteilt als entfernt.

„Halt mal still.“

„Mach ich.“

„Nein.“

„Doch.“

„Du redest.“

„Das ist nicht bewegen.“

Sie hatte ihn angesehen.

Dann hatte sie ihm einen Kuss auf die Wange gegeben.

Jack war in dem Alter gewesen, in dem das reicht.

Es hatte gereicht, um zwei Wochen lang nicht vernünftig denken zu können.

Danach hatte sein Vater nachts die Tür zum Schlafraum aufgerissen.

„Anziehen.“

„Was?“

„Wir fahren.“

„Jetzt?“

„Jack.“

Das war bei Senior ein vollständiger Satz.

Jack hatte sich angezogen.

Keine Verabschiedung.

Keine Clara.

Kein letzter Morgen.

Sein Vater hatte beim Poker gewonnen. Viel. Damals hatte Jack geglaubt, das sei der Grund gewesen, warum sie mitten in der Nacht verschwanden.

Er hatte die nächsten Wochen auf einen Brief gewartet.

Dann die nächsten Monate weniger.

Irgendwann gar nicht mehr.

Bis zu einer U-Bahn in Berlin.

Jack öffnete die Augen.

Der Becher knackte.

Er sah hinunter.

Seine Finger hatten das Plastik eingedrückt. Wasser lief über seine Hand, tropfte auf den Teppich und machte einen dunklen Fleck neben seinem Schuh.

„Perfekt.“

Er stellte den Becher ab.

Die Jury hatte Clara Fischer ausgewählt.

Weil Jack ihren Namen auf die Liste gesetzt hatte.

Die Jury wusste nicht, warum.

Der Sender wusste nicht, warum.

Konrad Rehm wusste vor allem, dass jemand die Produktionsfirma kaufen wollte und dabei erstaunlich wenig über den Preis verhandelte.

Jack hatte gekauft.

Nicht den Sender.

Nur den Teil, der genügte.

Einfluss aufs Casting.

Sein Name aus den Papieren.

Zwei Bedingungen.

Jetzt stand er in einem fensterlosen Raum und sollte eine Frau heiraten, die nicht ahnte, dass er überhaupt etwas mit ihrer Auswahl zu tun hatte.

Ein guter Deal fühlte sich anders an.

Auf dem Bildschirm draußen lief vermutlich gerade sein Einspieler.

Jack. Amerikaner. Seit ein paar Monaten in Deutschland. Angestellter einer Werbeagentur.

Er hatte den Text selbst eingesprochen und dabei beinahe gelacht.

Sein angebliches Büro gehörte tatsächlich einer Werbeagentur. Für zwei Stunden.

Die Leute auf den Bildern arbeiteten dort wirklich.

Nur nicht mit ihm.

Der Anzug war sein eigener.

Das hatte niemand gefragt.

März. Eine U-Bahn. Eine blonde Frau am Fenster, neben ihr ein Mann, der zu viel redete.

Als sie den Kopf zur Scheibe drehte, sah Jack einen dunklen Punkt an ihrem Hals, knapp unter dem Kiefer.

Er wusste nicht, warum ihn das festhielt. Er stieg an ihrer Station aus. Nicht an seiner.

Zwei Tische weiter in einem Café hatte er zugesehen, wie sie unterschrieb.

Er rief Evan an, noch vom Café aus.

Neun Tage später lag eine Mappe auf seinem Schreibtisch.

Clara Fischer. Berlin. Stadtwerke. Eltern. Adresse.

Und ein Mann namens Lukas, der inzwischen verschwunden war.

Clara.

In Berlin gab es viele Claras.

Wochen später saß er bei seiner Mutter in den USA.

Evelyn hatte eine Kiste mit alten Fotos geöffnet, weil sie behauptete, sie müsse ausmisten. Evelyn mistete nie etwas aus. Sie sortierte Dinge nur neu und nannte es danach weniger.

Sie hatte ein Foto hochgehalten.

„Da. Jack der Boxer.“

„Ich war kein Boxer.“

„Du hattest Blut im Gesicht.“

„Das macht mich nicht zum Boxer.“

„Für das Mädchen schon.“

Jack hatte das Foto genommen.

Er, dünn, mit zu großen Knien und einem Pflaster über der Braue. Daneben ein blondes Mädchen.

Clara.

Er hatte länger hingesehen.

Dann noch einmal.

„Was?“, hatte Evelyn gefragt.

Jack hatte nichts gesagt.

Das Gesicht aus der Bahn war plötzlich wieder da.

Nicht vollständig. Nur Teile. Die Augen vielleicht, der Mund, wie sie den Kopf drehte.

Zu Hause hatte er die Mappe noch zweimal gelesen.

Neugierig, wie es weitergeht?

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