Leseprobe
Jack & Clara · Band 5
Die Liebe am Abgrund
Kapitel 1 – Der Star betritt die Bühne
Jack Rowland stieg aus dem Taxi und blinzelte gegen das gleißende Morgenlicht. Die Stadt war schon hellwach – Lieferwagen mit offener Hecktür, das Zischen einer Bremse, irgendwo das metallische Klappern eines Rollgitters, das hochgezogen wurde. Hätte ihm vor ein paar Stunden jemand prophezeit, dass er um diese Uhrzeit halbwegs aufrecht stehen würde, hätte er wohl gelacht – oder sich noch einen Drink bestellt. Er schob die Sonnenbrille tiefer ins Gesicht, nicht um cool zu wirken, sondern weil seine Augen sich weigerten, mit dem neuen Tag Frieden zu schließen. Selbst durch die getönten Gläser stach das Licht, als würde es ihm jemand mit der flachen Hand in die Schläfen drücken. Der Club, die Drinks, die Gespräche, die schwindelerregenden Lichter – all das lag erst eine Nacht zurück, doch sein Kopf fühlte sich an, als wären Wochen vergangen. „Ich brauche Kaffee“, dachte er und holte tief Luft.
Das Bürogebäude vor ihm glänzte in der Morgensonne – eine glatte Fassade aus Glas und hellem Beton, scharfkantig und makellos, viel zu steril, viel zu real für seinen jetzigen Zustand. In den Scheiben spiegelten sich die Wolken, die langsam über den Himmel zogen, und das Haus blickte ihm kühl und ungerührt entgegen – ein passendes Publikum. Evelyn Kleins Verlag war mehr als nur eine Adresse. Hier hatte seine Karriere bei jedem Besuch eine neue Wendung genommen. Evelyn liebte es, ihn herauszufordern – besonders dann, wenn er am wenigsten dazu in der Lage war.
Jack streckte sich, spürte jeden Wirbel einzeln knacken, und betrat das Gebäude. In der Lobby empfing ihn kühle, klimatisierte Luft, der gedämpfte Hall von Schritten auf poliertem Stein und, ganz schwach, der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee, der irgendwo aus einer Teeküche herübertrieb und seinen Magen gleichermaßen lockte und drehte. Lautlos glitt der Aufzug nach oben, während er sich im Spiegelbild der polierten Metallwand musterte: dunkles Haar, ein müder Blick hinter der Sonnenbrille und ein Dreitagebart, der eher nach fünf Tagen aussah. Ein Gesicht, das bei Frauen unfehlbar wirkte – heute mit einem Schuss durchlebter Nacht garniert, was die Sache, fand er, eher interessanter machte. Der ramponierte Künstler verkaufte sich ohnehin besser als der ausgeruhte. Die Kabine summte leise, eine Ziffernanzeige sprang stumm von Stockwerk zu Stockwerk, und Jack legte den Kopf gegen die kühle Wand und schloss für drei Sekunden die Augen.
„Verdammt, ich brauche wirklich Kaffee“, murmelte Jack. Als sich die Aufzugtüren öffneten, wurde er von grellem Neonlicht geblendet – kaltes, weißes Licht, das aus langen Deckenröhren fiel und jeden Schatten aus dem Empfangsbereich tilgte. Und von Lisa. Mitte zwanzig, blonder Pferdeschwanz, große Brille. Sie war so vertieft in ihren Bildschirm, dass sie ihn erst bemerkte, als er ein paar Schritte ins Büro trat, vorbei an einem Sideboard mit hochgestapelten Druckfahnen und einer Topfpflanze, deren Blätter im Luftzug der Klimaanlage zitterten. Über allem hing der Geruch von Papier, Toner und kaltem Kaffee. Dann blickte sie auf – und erstarrte.
Jack kannte diesen Augenblick genau; er hatte ihn tausendfach geerntet und wusste jede Phase davon im Voraus. Ein kurzes Zögern, ein Blinzeln, das unausgesprochene „Oh mein Gott, ist er das wirklich?“ – stets gefolgt von einem leicht geöffneten Mund. Da war sie wieder, die kleine Bestätigung, die er aus jedem fremden Gesicht herausholte, ehe das Gegenüber überhaupt ein Wort gesagt hatte: Selbst verkatert, übernächtigt und ohne jeden Vorsatz, sich anzustrengen, funktionierte seine Wirkung tadellos. Er nahm es zur Kenntnis wie ein Spieler, der seine Karten zählt. Lächelnd lehnte er sich lässig gegen den Türrahmen, ein Arm über dem Kopf, das Gewicht auf eine Hüfte verlagert, als hätte er alle Zeit der Welt – jede Linie der Pose berechnet, weil sie wirkte. „Morgen, Lisa“, raunte er mit heiserer Stimme.
Lisa schluckte. „Oh mein Gott … Sie sind wirklich Jack Rowland!“
Jack hob eine Augenbraue, massierte sich unauffällig die Schläfe und zuckte mit den Schultern. „Schuldig im Sinne der Anklage. Aber heute in der etwas mitgenommenen Version.“
Lisa kicherte nervös, und Jack registrierte das Kichern als das, was es war – eine erste Konzession, ein erstes Stück gewonnenes Terrain. Den Kater würde er mit Charme und Kaffee überstehen; das Mädchen am Empfang war Beiwerk, ein angenehmes obendrein. Sie errötete, umklammerte die Tischkante; in ihrem Blick lag jene Mischung aus Ehrfurcht und Aufregung, die Jack über die Jahre an unzähligen Gesichtern gesehen hatte. Mit zerzaustem Haar und dunklen Schatten unter den Augen stand er hier, und doch hing ihr Blick an ihm, als hätte er die Tür nicht zu einem Verlagsbüro, sondern zu etwas Verbotenem geöffnet. Genau diesen Effekt schätzte er.
Lisa schluckte, fasste sich und nahm das Buch von ihrem Schreibtisch: „Der Henker und die Unschuld“. Der Einband war an den Ecken weich gelesen, der Rücken gebrochen von vielen Stunden in ungeduldigen Händen. Sie drückte es an sich, als könnte es ihr Halt geben, und sagte schließlich: „Ich … ich bin ein großer Fan! Ich habe es fünfmal gelesen.“
Jack blickte auf das Buch, dann wieder zu ihr. Die Begeisterung in ihren Augen war echt – keine Spur von gespielter Zurückhaltung, und echte Begeisterung war die Sorte, die sich am leichtesten ernten ließ. Fünfmal gelesen. Er verbuchte die Zahl wie eine Verkaufsziffer. Ein Lächeln spielte um seine Lippen, als er ihr das Buch aus den Händen nahm. „Guter Geschmack“, bemerkte er, während seine Finger über den Einband strichen. Sein Blick wanderte kurz zur Rückseite – zu dem Foto, das ihn jünger und ausgeschlafener zeigte. Mit einem Stift aus seiner Jackentasche kritzelte er eine Widmung auf die erste Seite, die Schrift schräg und schwungvoll, der Schwung selbst eine Routine, hundertfach geübt: „Für Lisa – auf dass die besten Geschichten immer die sind, die noch geschrieben werden. Beste Grüße, Jack Rowland.“ Die Zeile gefiel ihm jedes Mal aufs Neue, gerade weil sie nichts kostete und alles versprach. Er gab ihr das Buch zurück, ohne den Blick von ihr abzuwenden – ein gehaltener Blick war die halbe Arbeit.
Lisa nahm es vorsichtig entgegen, als wäre es etwas Zerbrechliches. Sie biss sich auf die Lippe, ein Hauch von Rot stieg in ihre Wangen.
Jack erkannte diesen Ausdruck – diese Mischung aus Bewunderung und Faszination, mühelos, wie ein Sammler ein Stück taxiert, das er gleich besitzen wird. Er hielt den Augenblick kurz fest, weil das Innehalten die Wirkung verdoppelte, lehnte sich dann vor, seine Stimme so leise, dass nur sie sie hören konnte: „Ein kleines Dankeschön für deine Begeisterung.“
Lisas Finger schlossen sich um das Buch, dabei streiften sie die seinen – warm, fest, nur einen Moment lang. Er sah, wie ihr Atem stockte, wie ihre Lippen sich öffneten, ohne dass ein Wort kam, und wie ihre Wangen noch eine Spur tiefer erglühten. Ein winziges Beben lief durch ihre Hand, ehe sie das Buch fester an sich zog. Jack notierte jede Reaktion mit der kühlen Genugtuung eines Mannes, der einen Versuch wiederholt und dasselbe Ergebnis bekommt: Berührung, Stocken, Erröten. Schon während er es geschehen sah, übersetzte ein Teil von ihm das Bild in Sätze, wog die Formulierung, legte die Szene beiseite wie Material. Was sich in Lisa abspielte, ging ihn nicht weiter an; dass es sich in ihr abspielte, war der ganze Genuss.
„Oh wow, danke! Ich … ich … Oh Gott, Evelyn wartet auf Sie!“ Lisas Stimme überschlug sich, während sie hastig auf die schwere Holztür hinter sich deutete.
Jack grinste; ihr Fluchtreflex zeigte ihm nur, wie weit er sie schon hatte. Er ließ seine Fingerspitzen spielerisch über das Buch gleiten – eine winzige Geste, die ihr sichtlich den Atem nahm, kalkuliert bis in den letzten Millimeter. „Dann will ich mal keine Schwierigkeiten riskieren.“ Er zwinkerte ihr zu, das Zwinkern abgegriffen und todsicher, eine Münze, die er an jedem Empfang ausgab, und ging zur Tür, während Lisa noch immer das Buch umklammerte, als wäre es eine Reliquie. Ihre Brust hob und senkte sich rasch, und ihr Blick folgte ihm, bis er die Klinke berührte – auch das verbuchte er, beiläufig, als Schlusszeile eines kleinen, gelungenen Auftritts.
Mit einem letzten Schritt schob Jack die schwere Tür zu Evelyns Büro auf – sie schwang lautlos in geölten Angeln – und brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren. Eine winzige Sekunde der Unsicherheit, die er mit einer lässigen Bewegung überspielte. Die Nacht steckte ihm noch in den Knochen. Oder besser gesagt: in seinem Kopf, der dumpf pochte, als hätte sich darin eine kleine, hartnäckige Trommlertruppe eingenistet. Er strich sich über den Mantelkragen, atmete tief durch – und bereute es sofort. Der Geschmack von Whisky und Schlafmangel stieg in ihm auf, eine Erinnerung an Entscheidungen, die sich nachts richtig angefühlt hatten und jetzt nach Reue schmeckten. Dann betrat er den Raum.
Sonnenlicht flutete durch die hohen Fenster und tanzte auf der makellosen Oberfläche des Mahagonischreibtischs. Der Raum atmete eine andere Luft als das hektische Vorzimmer – wärmer, gedämpfter, durchzogen vom feinen Duft nach poliertem Holz, Leder und einer Spur teuren Parfums. Schwere Vorhänge rahmten die Fenster, an den Wänden zogen sich deckenhohe Regale entlang, in denen jeder Buchrücken seinen festgelegten Platz zu kennen schien. Hier verschluckte ein dicker Teppich die Schritte, und das Stimmengewirr von draußen drang nur als fernes Summen herein.
Evelyn Klein, perfekt in Szene gesetzt, saß in ihrem weinroten Hosenanzug, das dunkle Haar fiel ihr sanft über die Schultern. Das Licht fing in den feinen Strähnen und ließ den Stoff ihres Anzugs schimmern wie dunkler Wein im Glas. Ihr Blick, scharf wie ein Skalpell, erinnerte Jack daran, wer hier die Kontrolle hatte. Und genau das ermüdete ihn heute zusätzlich – bei Evelyn lief seine Masche ins Leere, und das war, neben dem Kater, der eigentliche Grund für seine schlechte Laune. „Jack.“ Ihre Stimme war ruhig, bestimmt – mit einem Unterton von „Ich weiß genau, was du letzte Nacht getrieben hast“. „Pünktlich wie eh und je.“
„Natürlich.“ Jack ließ sich in den Sessel sinken, seine Bewegungen waren eine Mischung aus Routine und Erschöpfung. Das Leder gab unter ihm seufzend nach. Sein Blick wanderte durch den Raum – dunkle Holzmöbel, akribisch geordnete Bücherregale, alles viel zu perfekt für seinen Zustand. Er legte eine Hand auf die Tischplatte, strich gedankenverloren über das kühle, gewachste Holz und griff nach der Klammermaschine, die neben einem Stapel Manuskripte lag. Das kühle Metall in seiner Hand war beruhigend. Ein leises Klicken erfüllte den Raum – eine Konstante in einer Welt, die sich gerade zu schnell drehte.
Evelyn verschränkte die Arme, lehnte sich zurück und musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. „Also, Jack? Welche düsteren Fantasien spuken diesmal in deinem Kopf herum? Oder möchtest du mir erst erzählen, warum du aussiehst, als hättest du die Nacht mit einer Flasche Bourbon verbracht?“
Jack ließ die Klammermaschine sinken, rieb sich die Schläfe und grinste schief. „Beides ist nicht ganz falsch.“ Er beugte sich vor und fuhr fort: „Ich will einen Kriminalroman schreiben. Einen, an den ich mich bisher nicht herangetraut habe.“
Evelyns Blick ruhte auf ihm. Sie wartete, regungslos, nur ein Finger trommelte einmal lautlos auf die Sessellehne.
Jack sah aus dem Fenster, als müsse er die Idee noch einmal überdenken – in Wahrheit kostete er nur die Pause aus, weil eine gute Pause das Publikum schärfte. Dann lehnte er sich zurück und sagte: „Stell dir einen Serienmörder vor, der völlig unauffällig ist. Ein Mann, der von Büro zu Büro fährt, Verträge unterschreibt – während er längst sein nächstes Opfer im Auge hat.“ Er hielt inne und sah Evelyn an.
„Der Clou?“ Seine Stimme klang rauer. „Er ist verliebt. In eine Außendienstmitarbeiterin. Eine Frau, die er täglich sieht, mit der er Smalltalk hält, die er bewundert – und die ihn abweist. Erst freundlich, dann genervt, dann kalt. Und jedes Mal, wenn sie ihm aus dem Weg geht, stirbt jemand.“
Evelyn tippte mit dem Finger an ihre Kaffeetasse, ihr Blick verlor sich in der Ferne. „Das klingt … verstörend.“
Neugierig, wie es weitergeht?
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