Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 1

Eine Lady als Pfand

Kapitel 1 – Die heile Welt

Das Licht war dasselbe.

Ein schmaler Streifen durch die schweren Vorhänge, quer über die Bettdecke und weiter bis an die Kommode. So hatte es in ihrem Schlafzimmer gelegen, an jedem Morgen der letzten neunzehn Jahre.

Clara öffnete die Augen und wartete auf den Rest. Er kam.

Die Standuhr auf dem Flur. Die vierte Stufe, die knarrte, wenn das Mädchen mit dem heißen Wasser heraufkam. Unten auf der Straße ein Karren, Eisen auf Pflaster.

Alles an seinem Platz.

Die Stille ihres Zuhauses. Ein Leben lang hatte Clara darin geschlafen wie unter einer zweiten Decke. Heute kamen ihr die Wände dünn vor.

Seit gestern Abend zog es.

Nicht am Fenster.

Es klopfte. Das Mädchen kam herein, stellte den Krug auf den Waschtisch und goss heißes Wasser in die Schüssel. Über der Stuhllehne hing noch das Seidene von gestern.

„Soll ich das Kleid wegräumen, Miss?“

„Später.“

Das Mädchen sah zum Bett, sah wieder weg und zog die Tür leise hinter sich zu.

Clara starrte an die Decke. Über dem Bett lief ein feiner Riss durch den Stuck. Sie kannte ihn, seit sie denken konnte.

Als Kind hatte sie ihn für einen Fluss gehalten und ihm Namen gegeben, einen für jeden Arm. Der lange hieß Nil. Der kurze hieß Themse und hörte über der Tür einfach auf.

Gestern früh hatte sie noch drei Sorgen gehabt. Welches Kleid. Wann sie ihre Freundin besuchte. Welche Melodie ans Klavier kam.

Mädchensorgen. Sorgen, für die gestern noch ein ganzer Tag Platz gewesen war.

Dann der Abend.

Seide.

Puder.

Die Hände ihrer Mutter.

Schnell waren sie gewesen, beinahe fahrig. Rot auf die Wangen, Farbe auf die Lippen, ein Tupfer, noch einer. Clara hatte stillgehalten. Eine Puppe vor der Auktion, hatte sie gedacht. Die hielten auch still.

Dreimal steckte die Mutter die Nadel in ihrem Haar neu. Beim vierten Mal hielt Clara ihre Hand fest.

Die Mutter ließ ihr die Hand. Einen Augenblick lang.

„Es ist zu deinem Besten, Clara“, hatte sie geflüstert. In ihren Augen hatte etwas gelegen, das Clara nicht lesen konnte.

Dann betrat Mr. Wallace das Haus, und sie konnte es.

Mr. Wallace. Fast vierzig.

Er reichte dem Diener den Hut, ohne ihn anzusehen. Dann sah er Clara an. Kurz. So sah ihr Vater eine Rechnung an, bevor er sie abzeichnete.

Seine Sätze begannen mit „Gewiss“ und endeten mit „vortrefflich“.

Dazwischen war nichts.

Ihr Vater stellte ihn ihr vor wie einen neuen Posten im Inventar. Name, Haus, Verbindungen. Eine „finanzielle Absicherung“.

Zwischen Suppe und Dessert wurde es festgemacht, und Clara saß dabei, hörte jedes Wort und behielt keines.

Bei der Suppe sprachen die beiden Männer über den Teepreis.

„Gewiss“, sagte Mr. Wallace. „Er wird steigen. Sofern er nicht fällt. Vortrefflich.“

Beim Fisch sprachen sie über die Versicherung von Fracht.

Mit ihr sprach Mr. Wallace nicht.

Sie nickte. Sie lächelte, wenn es verlangt wurde. Sie aß die Suppe und den Fisch und wusste hinterher nicht, wie beides geschmeckt hatte.

Nach dem Fisch legte sie Messer und Gabel nebeneinander auf den Teller, genau so, wie man es ihr beigebracht hatte. Niemand musste es ihr sagen.

Jetzt, im Morgenlicht, lag es vor ihr wie ein Blatt auf dem Schreibtisch ihres Vaters.

Keine Verlobung.

Ein Kontrakt.

Sie zog die Decke bis ans Kinn. Darunter zitterten ihre Hände, ein wenig nur.

Clara Ashworth. Noch. Bald Mrs. Wallace. Den Namen sprach sie nicht einmal in Gedanken zu Ende.

Clara schob die schwere Decke zur Seite und setzte die nackten Füße auf den kalten Holzboden. Im Kamin lag graue Asche. Sie zog die Schultern hoch. Im Zimmer war es nicht kalt.

Am Spiegel strich sie sich eine kastanienbraune Locke aus dem Gesicht. Eine Fremde sah zurück.

Von der Lippenfarbe waren Flecken geblieben. Blass, am Mundwinkel verwischt. Clara tauchte das Tuch in die Waschschüssel und rieb, bis nichts mehr davon zu sehen war, und dann noch einmal.

Das Gesicht darunter war älter als am Vortag.

Schärfer.

Sie sah es lange an. Dann legte sie das Tuch zusammen, Ecke auf Ecke, genau auf die Kante der Schüssel, und kleidete sich an.

Unten im Haus hatte das Leben längst begonnen. Auf dem Treppenabsatz blieb Clara stehen. Porzellan klirrte. Miriams helle Stimme. Das Lachen ihrer Mutter.

Clara legte die Hand auf das Geländer und wartete, bis ihr Gesicht wieder so aussah wie gestern Morgen.

Es dauerte.

Dann ging sie hinunter.

Im Esszimmer mit den hohen Fenstern saß ihre Mutter bereits am polierten Holztisch und summte. Beim Frühstück summte sie sonst nie.

„Da ist sie ja. Hast du gut geschlafen, Liebes?“

„Ja, Mama.“

„Mr. Wallace war sehr zufrieden mit dem Abend. Das hat er deinem Vater an der Tür noch gesagt.“

Die Mutter strich Butter auf ein Brötchen, legte es auf ihren Teller und biss nicht hinein. „Sehr zufrieden.“

Clara setzte sich. Gestern hätte sie in diesem Summen gute Laune gehört.

Heute hörte sie Erleichterung. Die Tochter versorgt. Die Tochter in Sicherheit.

Ihre Schwester Miriam kniete halb auf ihrem Stuhl und hatte Marmelade am Kinn.

„Der große Schwan im Park hat nur einen Fuß“, verkündete sie. „Er steht immer auf dem einen. Ich hab’s gesehen.“

„Er zieht den anderen ein“, sagte der Vater hinter der Zeitung. „Das tun sie alle.“

„Meiner nicht. Meiner hat nur einen.“

„Setz dich ordentlich hin, Miriam.“

Miriam setzte sich ordentlich hin. Unter dem Tisch schlenkerte sie mit den Beinen.

Clara suchte unter dem Tischtuch nach der kleinen Hand ihrer Schwester. Sie war klebrig. Clara hielt sie fest, länger als nötig.

Miriam ließ es geschehen und erzählte weiter von dem Schwan. Er sei so groß wie ein Hund. Größer. Wie ein Kalb.

Ihr Vater ließ die Zeitung sinken, als er Clara sah, faltete sie zusammen und lächelte ihr zu. Dasselbe Lächeln, mit dem er ihr als Kind Gewitter erklärt hatte und aufgeschlagene Knie.

Die Seite, die beim Falten nach oben kam, war die mit den Ankünften im Hafen.

Alles an diesem Tisch hatte er sich selbst erkämpft. Ein alter adeliger Name, und nichts dazu geerbt.

Er hatte eine Bürgerliche geheiratet. Claras Mutter, die ihm jetzt die Teekanne hinschob. Seine Familie hatte ihm dafür das Erbe gestrichen und den Platz an ihrem Tisch dazu.

Neugierig, wie es weitergeht?

Weiterlesen · Bald verfügbar

← Zurück zum Buch