Leseprobe
Jack & Clara · Band 1
Die Liebe im Vertrag
Die heile Welt
Das Licht, das durch die schweren Vorhänge in mein Schlafzimmer drang, war dasselbe wie an jedem Morgen der letzten siebzehn Jahre. Und doch fühlte es sich anders an. Als ich die Augen öffnete, erwartete ich die gewohnte Stille meines Zuhauses – eine Stille, die mir immer Sicherheit bedeutet hatte. Doch die Wände, die mich mein Leben lang behütet hatten, wirkten heute dünn, als könnten sie den neuen, kalten Wind, der seit gestern Abend durch mein Leben pfiff, nicht mehr abhalten.
Ich starrte an die Decke und spürte die Realität dieses Morgens wie einen ungebremsten, harten Aufprall. Noch gestern waren meine größten Sorgen das gewesen, was man wohl unbeschwerte Mädchenprobleme nannte: Welches Kleid ziehe ich heute an? Wann besuche ich meine Freundin? Welche Melodie spiele ich auf dem Klavier? Es waren die oberflächlichen, seichten Gedanken einer behüteten Siebzehnjährigen. Gestern Abend jedoch hatten diese sicheren Wände zu wanken begonnen. Ich erinnerte mich an den Geruch von Seide und Puder, an die hektischen, fast nervösen Hände meiner Mutter, die meine Wangen gerötet und meine Lippen gefärbt hatten, als wäre ich eine Puppe, die für eine Auktion herausgeputzt werden musste.
„Es ist zu deinem Besten, Clara“, hatte sie geflüstert, doch in ihren Augen hatte etwas gelegen, das ich erst begriff, als Mr. Wallace das Haus betrat.
Wallace. Fast vierzig, ein Mann, der in seinen Worten so leer war wie ein ausgetrocknetes Flussbett. Mein Vater hatte ihn mir vorgestellt wie ein neues Geschäftsinventar, eine „finanzielle Absicherung“, in Stein gemeißelt bei einem Abendessen, das ich wie durch einen Schleier erlebt hatte. Ich hatte genickt. Ich hatte gelächelt, als es verlangt wurde. Ich war neutral geblieben, weil das Mädchen, das ich bis zu jenem Abend gewesen war, den Gehorsam als einzige Währung kannte.
Doch jetzt schlug die Wahrheit zu. Es war keine bloße Verlobung. Es war ein Kontrakt. Mein Leben war kein offenes Buch mehr, sondern eine Akte, die bereits verschlossen und abgezeichnet war. Ich war nicht mehr die Tochter, ich war das Inventar. Ein leises, fast unmerkliches Beben durchlief mich. Ich war noch immer Clara Ashworth. Aber mein Leben war nicht mehr mein eigenes.
Clara schob die schwere Decke zur Seite und setzte die nackten Füße auf den kalten Holzboden. Das Frösteln, das sie überkam, hatte nichts mit der Raumtemperatur zu tun. Sie ging zum Spiegel, strich sich eine kastanienbraune Locke aus dem Gesicht und blickte in die Augen einer Fremden. Die Reste der Lippenfarbe von gestern Abend waren verblassende Flecken auf ihrer Haut, doch die Konturen ihres Gesichts wirkten plötzlich älter, schärfer als noch am Vortag.
Unten im Haus hatte das Leben längst begonnen. Als Clara kurz darauf die Treppe hinabstieg, schlug ihr die vertraute Wärme entgegen, und doch kam es ihr vor, als betrete sie eine Bühne, auf der alle ihre Rollen kannten, nur sie nicht mehr. Im Esszimmer mit den hohen Fenstern saß ihre Mutter bereits am polierten Holztisch, und über ihrem Gesicht lag eine Heiterkeit, die Clara gestern noch geglaubt, heute aber durchschaut hätte: die Erleichterung einer Frau, die ihre Tochter in Sicherheit wähnte. Miriam, die jüngere Schwester, plapperte unbekümmert über die Schwäne im Park, und für einen Augenblick wünschte sich Clara nichts sehnlicher, als wieder so unbeschwert zu sein wie das Kind an ihrer Seite.
Ihr Vater faltete die Zeitung zusammen, als sie eintrat, und lächelte ihr zu – jenes Lächeln, das ihr seit jeher Geborgenheit bedeutet hatte. Mr. Ashworth war ein Mann, der sich alles selbst erkämpft hatte. Einst ein Adeliger von altem Namen, hatte ihn die Liebe zu Claras Mutter, einer Frau bürgerlicher Herkunft, sein Erbe und seinen Titel gekostet; an den Tischen der Makler hatte er sich danach ein neues Vermögen erstritten, mit scharfem Verstand und ruhiger Hand. Was er dort gelernt hatte, hatte er auf seine beiläufige Weise an Clara weitergegeben – wie ein Wechsel funktionierte, weshalb ein Schiff, das zu spät kam, einen Mann ruinieren konnte, und wie ein einziges Frachtpapier in viele Teile zerfiel, von denen jeder seinen Käufer und seinen Preis fand. „Zahlen lügen nie, Kind“, pflegte er zu sagen, „aber die Menschen, die sie aufschreiben, tun es bisweilen.“ So las Clara eine Frachtaufstellung so mühelos wie ein Notenblatt – und vielleicht war es eben dieses Wissen, das sie nun ahnen ließ, dass die Verlobung mit Wallace keine Laune war, sondern ein Posten in einer Rechnung, deren ganze Summe ihr Vater ihr verschwieg. Sie hatte am Abend zuvor gesehen, wie er ein schmales Bündel Papiere über den Tisch geschoben hatte, ehe Wallace es ruhig an sich nahm und in die Brusttasche gleiten ließ; und ohne zu wissen, was darauf stand, hatte sie geahnt, dass dieses Versprechen nicht mit einem bloßen Handschlag besiegelt worden war, sondern mit etwas, das sich eines Tages würde aufrechnen lassen. Erst viel später, in den Büchern eines anderen alten Mannes, sollte sie begreifen, was sie an jenem Abend mit eigenen Augen gesehen hatte.
Über den Frühstückstisch hinweg beobachtete sie ihre Eltern. Sie sah, wie ihr Vater der Mutter beiläufig die Hand auf die ihre legte, wie ein Blick zwischen ihnen hin- und herging, der ganze Sätze überflüssig machte – jene selbstverständliche, über Jahre gewachsene Zärtlichkeit zweier Menschen, die einander einst gewählt hatten und es seither jeden Tag aufs Neue taten. Genau das, begriff Clara mit schmerzhafter Klarheit, würde ihr niemals zuteilwerden. Sie versuchte, sich an Wallace’ Seite zu denken, seine Hand auf der ihren – und allein die Vorstellung seiner Nähe ließ etwas in ihr sich zusammenziehen, einen körperlichen Widerwillen, der ihr die Kehle eng werden ließ. Nein. Eine Verbindung, wie ihre Eltern sie lebten, war mit diesem alten, hohlen Mann nicht einmal zu erträumen; schon der Gedanke, ihm nahe zu sein, ekelte sie zutiefst.
Sie sagte nichts davon. Sie nahm ihren Platz ein, trank ihren Tee und ließ die Worte über sich hinweggehen, als beim Frühstück beschlossen wurde, den Nachmittag gemeinsam im Hyde Park zu verbringen. Es war eine ihrer liebsten Gewohnheiten gewesen, und vielleicht, dachte Clara, würde die frische Luft den kalten Wind vertreiben, der noch immer in ihr pfiff.
Es war ein strahlender Tag in London, einer jener seltenen Momente, an denen der Himmel wolkenlos und von einem tiefen Blau war. Die Stadt schien wie verzaubert, die sonst so geschäftigen Straßen voller Leben und doch von einer gewissen Leichtigkeit erfüllt. Die Sonne ließ die Dächer glitzern, während eine sanfte Brise durch die Alleen wehte – und Clara bewegte sich durch all diese Helligkeit wie durch einen Traum, in dem die Welt nicht wusste, dass sich über Nacht alles verändert hatte.
Im Hyde Park verbrachte die Familie Ashworth eine scheinbar unbeschwerte Zeit. Clara und Miriam beobachteten die Schwäne am Serpentine-See, während ihre Eltern auf einer Bank saßen und leise miteinander sprachen. Die Sonnenstrahlen fielen golden durch die Bäume, und das sanfte Knirschen der Kieswege vermischte sich mit dem Lachen der anderen Besucher. Alles schien vollkommen – bis zu dem Moment, als sie den Park verlassen wollten.
Als Clara und ihre Familie zum Ausgang strebten, wurde die Harmonie jäh unterbrochen, als Clara, in Gedanken versunken, plötzlich mit jemandem zusammenstieß. Es geschah so unvermittelt, dass ihr für einen Lidschlag der Atem stockte – ein harter, warmer Widerstand, eine fremde Schulter an der ihren, der Duft von Sonne und Leinen und etwas Herbem, das sie nicht benennen konnte. Ein unerwarteter Stoß, ein erschrockenes „Oh, Entschuldigung!“ von ihrer Seite – und dann blickte sie in die verärgerten Augen eines jungen Mannes.
Er war vielleicht Mitte zwanzig, hatte dunkles, widerspenstiges Haar und trug einen hellen Sommeranzug, der nun mit einem unschönen braunen Fleck verziert war. Seine Augen waren von einem überraschenden Grau, lebhaft und wach, und sie hefteten sich mit einer Unverfrorenheit auf Clara, die ihr das Blut in die Wangen trieb, noch ehe ein Wort gefallen war. „Passen Sie doch auf, wo Sie hinlaufen!“, fauchte er und wies mit einer ungeduldigen Geste auf die verschmutzte Stelle.
Clara spürte, wie ihr Gesicht vor Zorn heiß wurde. „Sie haben mein Kleid beschmutzt!“, entgegnete sie und deutete auf den Fleck, der sich auf ihrem hellen Sommerkleid ausbreitete.
„Das ist mir doch egal!“, erwiderte er scharf. Es lag eine selbstverständliche Geringschätzung in seiner Stimme, als sei er es gewohnt, dass die Welt ihm wich und nicht umgekehrt. „Sie hätten besser aufpassen sollen!“
Claras Stimme zitterte vor Empörung, doch sie senkte den Blick nicht. Wer auch immer dieser Mann sein mochte, sie hatte gelernt, dass Höflichkeit nichts mit Furcht zu tun hatte – und dass man einem Grobian am wenigsten mit Tränen begegnete. „Wie können Sie nur so unhöflich sein! Ich habe mich doch entschuldigt – mehr verlangt der Anstand nicht. Dass Sie ihn nicht kennen, ist nicht mein Versäumnis.“
Und doch geschah, während sie sprach, etwas Sonderbares mit ihr. Unter dem Zorn, der so klar und gerecht in ihr brannte, regte sich ein zweites, fremdes Gefühl – leiser, wärmer, beunruhigender. Es war ein Ziehen, das in der Magengrube begann und sich bis in die Fingerspitzen fortsetzte, als hätte die Berührung an ihrer Schulter einen Funken hinterlassen, der nun unter ihrer Haut weiterglomm. Sie ärgerte sich über ihn, gewiss; aber zugleich konnte sie den Blick nicht von seinem Gesicht lösen, von der trotzigen Linie seines Mundes, von dem widerspenstigen Haar, das ihm in die Stirn fiel. Es war ein Gedanke, den sie sich niemals eingestanden hätte, und doch huschte er ihr durch den Sinn, ehe sie ihn verscheuchen konnte: dass dieser unmögliche Mensch von einer Art war, die ihr gefiel. Heiße Scham stieg ihr darüber in die Wangen, und sie wusste, dass ihr Erröten ihm nicht verborgen blieb.
Tatsächlich entging es ihm nicht. Für den Bruchteil eines Augenblicks verlor seine Miene den Spott. Er sah die Röte über ihre Wangen steigen, das Funkeln in den haselnussbraunen Augen, das so wenig zur Empörung ihrer Worte passte – und etwas in ihm geriet ins Wanken. Sein Herz, das eben noch gleichmütig geschlagen hatte, begann ohne sein Zutun schneller zu gehen, und für einen Moment wusste auch der gewandte junge Mann nicht recht, was er sagen sollte.
„Entschuldigungen nützen jetzt auch nichts mehr!“, sagte er schließlich, doch der schneidende Ton von zuvor war ihm abhandengekommen, und er wandte sich mit einem unwilligen Blick zum Gehen.
„Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie sprechen?“, rief Clara ihm hinterher, ohne zu überlegen. „Ich bin Clara Ashworth!“
Der junge Mann hielt inne, drehte sich langsam um und sah sie mit einem Ausdruck an, der zwischen Überraschung und Spott schwankte. „Ashworth, ja? Nun, ich nehme an, der Name soll Eindruck schinden?“ Seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln. „Jack, zu Ihren Diensten.“
Er trat einen Schritt näher, statt zu gehen, und nun war es Clara, der die Worte versagten. Sie, die in jedem Salon eine schlagfertige Erwiderung bereithielt, stand plötzlich stumm, das Kinn noch trotzig erhoben, das Herz aber wild und ungehörig pochend. Seine grauen Augen ruhten auf ihren Lippen, und in seinem Blick lag etwas so Dreistes und zugleich so Forderndes, dass ihr ganz heiß wurde und die Welt um sie her für einen Wimpernschlag versank.
Was dann geschah, geschah zu rasch, als dass sie es hätte abwehren können. Mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der nimmt, was er begehrt, und nicht erst um Erlaubnis fragt, beugte Jack sich vor und drückte seine Lippen auf die ihren. Es war ein flüchtiger, kühner, gestohlener Kuss, warm und überraschend sanft, und er währte kaum länger als ein Atemzug – und doch fuhr Clara ein Schauer durch den ganzen Körper, ein Beben, das sie bis ins Mark erschütterte. Ehe sie auch nur die Hand heben konnte, hatte er sich schon wieder aufgerichtet, und in seinen Augen blitzte ein Triumph, der von etwas durchzogen war, das beinahe wie Staunen aussah.
Neugierig, wie es weitergeht?
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