Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 10

Im Sternbild des Stiers

Kapitel 1

Drei Uhr nachts. Technische Universität Wien, Fakultät für Physik, der hinterste Trakt.

Die Klimaanlage summte. Sonst nichts.

Jack Hofer saß vor seinem Prototyp.

Der Prototyp war kalt.

Auf dem Weg herein hatte er keinen Menschen getroffen. Sommerferien. Die Gänge lagen dunkel, die Hörsäle waren verriegelt, und nur hier hinten brannte Licht.

Der Generalschlüssel lag neben der Tastatur. Einem Assistenten stand so ein Schlüssel nicht zu, und Jack war Assistent, mehr nicht. Sein bester Freund, ein junger Dozent, hatte ihn ihm für die vorlesungsfreie Zeit zugesteckt.

„Wenn dich einer fragt, hast du ihn gefunden.“

Seitdem gehörte das Labor ihm.

Auf dem Tisch summte das Handy. Eine Nachricht vom Dozenten.

„Lebst du noch?“

Jack tippte „Nein“ und legte das Telefon mit dem Display nach unten zurück.

Vor ihm auf dem weißen Labortisch stand die Maschine. Oxidierte Kupferrohre, freiliegende Platinen, ein supraleitender Toroid, provisorisch mit Kapton-Klebeband umwickelt. Alles exakt nach seinen Berechnungen der N-Theorie gebaut.

Er hatte das Holonomie-Spektrum gelöst, die mathematischen Adressen im unendlichen Netzwerk der dimensionalen Ebenen berechnet und bis in die fünfte Nachkommastelle in reiner NMatik verifiziert.

Er wusste, wo die Nachbarebene lag. Nicht als Entfernung. Als topologische Koordinate.

Die Maschine summte nicht.

Sie vibrierte nicht.

Jack legte die flache Hand auf das Gehäuse.

Kalt.

Er prüfte die Anschlüsse, einen nach dem anderen, zum vierten Mal in dieser Nacht, und hielt das Messgerät an die Klemmen.

Null Komma null null.

Er klopfte mit dem Knöchel gegen das Display.

Null Komma null null.

Ein Haufen teurer Schrott.

Hinter ihm standen noch die Formeln vom Vorabend auf dem Whiteboard, ordentlich, in drei Farben. Keine davon half.

Er blätterte durch sein Notizbuch. Zerlesen, Kaffeeringe auf jeder dritten Seite, der Bleistift kratzte. Gleichungen, durchgestrichen. Neue Gleichungen, durchgestrichen, bis das Papier riss.

„Scheiße“, sagte er in den leeren Raum.

Der Raum widersprach nicht.

Er tippte mit dem Bleistift auf die letzte Zeile. Die Energie. Um das vierdimensionale Blatt der Realität – die Bran – aufzubiegen und auch nur ein Staubkorn in den Zwischenraum des Bulks schlüpfen zu lassen, verlangte seine Formel irgendetwas zwischen einem laufenden Kernkraftwerk und dem Kollaps einer sterbenden Sonne.

Er hatte die Starkstromanschlüsse des Uni-Labors.

Und einen hastig zusammengelöteten Kondensatorblock.

Man brauchte die rohe Kraft eines Schwarzen Lochs, um die Seiten der Wirklichkeit zu durchschlagen. Er rechnete es noch einmal nach.

Es kam wieder heraus.

Er warf den Schraubenschlüssel gegen das Whiteboard. Es klirrte, und eine Formel bekam eine Delle.

Er schob zwei Bürostühle zusammen, legte sich quer darüber und schlief, bis die Sonne schräg durch die Jalousie fiel.

Sein Magen meldete sich. Laut.

Er rieb sich das fettige Haar aus der Stirn, klemmte das Notizbuch unter den Arm und ging durch die leeren Korridore, in denen nur seine Sohlen quietschten, hinaus in den späten Nachmittag. Resselpark, Karlsplatz. Ein billiger Hotdog.

Am Stand hatte er das Notizbuch schon wieder offen in der linken Hand.

„Senf?“, fragte der Mann hinter der Theke.

„Viel.“

„Ketchup?“

„Auch.“

Der Mann drückte die Flasche, bis der Senf über das Brötchen lief. Er sah auf das Notizbuch, dann auf Jack, und drückte noch einmal.

„Drei achtzig.“

Jack legte einen Fünfer auf die Theke, ohne aufzusehen.

„Retour.“

Jack las.

Der Mann ließ das Wechselgeld auf der Theke liegen und schob ihm eine zweite Serviette hin. Jack nahm den Hotdog, nicht die Serviette, und ging lesend weiter.

Ein gelber Tropfen fiel auf seinen Schuh.

Er las weiter.

* * *

Zur selben Zeit, ein paar Straßen weiter, vor einer eleganten Fassade, drehte sich Clara in die Kamera.

Es gab einen ganz bestimmten Bürgersteig, auf dem die Nachmittagssonne in genau dem Winkel stand, in dem Claras Haut aussah wie ein Werbeversprechen. Hinter ihr bremste eine Straßenbahn, und Clara hielt das Lächeln, bis sie vorbei war.

Mia tänzelte mit dem Gimbal um sie herum. Beste Freundin, Kamerafrau und Publikum in einer Person. Das rote Lämpchen brannte, und unten im Display lief die Zahl der Zuschauer nach oben.

84.000.

91.000.

97.000.

„Noch mal von links“, rief Mia und ging leicht in die Hocke. „Der Stoff fällt perfekt! Du bist heute unfassbar, Clara!“

„Wie viel hat das Kleid gekostet?“, fragte Mia hinter dem Gimbal. „Die Leute fragen.“

„Frag nicht.“

„Die Leute fragen trotzdem.“

„Dann sag ihnen, es ist unbezahlbar.“ Clara drehte sich in die Sonne. „Bei hunderttausend machen wir Schluss. Dann Kaffee.“

Sie warf das Haar über die Schulter und lächelte für die Kamera. Das weiche Lächeln. Vor dem Spiegel so lange geübt, bis es von allein kam.

Das neue Seidenkleid, weiß, schwang bei jeder Drehung genau richtig mit.

„Die Schuhe“, sagte Mia. „Sie wollen die Schuhe.“

Clara stellte einen Fuß vor, drehte die Ferse nach außen und hielt still, bis Mia nickte. Sie drehte sich noch einmal. Nur für die Kommentare.

Heute konnte ihr niemand etwas.

Dann krachte ein Mann mit voller Wucht in sie hinein.

Kein Anrempeln.

Ein Aufprall.

Jack kaute auf seinem Hotdog und las im aufgeklappten Notizbuch, den Blick auf einer Gleichung, die nicht aufging.

Das weiße Kleid sah er erst, als es schon an ihm klebte. Der Stoß presste ihm die Luft aus der Lunge.

Der Senf beschrieb einen gelben Bogen durch die Luft und landete quer über Claras Brust.

Die Wurst folgte, zog eine fettige Spur über die Seide, rutschte ab und klatschte zwischen ihre Designer-Heels auf den Asphalt.

Mia hielt drauf.

„Oh – Entschuldigung.“

Der Mann sah sie an und zugleich an ihr vorbei. Rote Augen, zerzaustes Haar, violette Ringe darunter. Der Daumen steckte noch zwischen zwei Seiten.

„Tut mir leid, ich war in Gedanken, ich –“

Clara sah an sich herunter.

Der gelb-rote Fleck fraß sich ins Gewebe. Das Fett zog schon Kreise.

Totalschaden.

Sie hob den Kopf. Der Idiot stand da und blinzelte in die Sonne.

Aus dem Augenwinkel sah sie Mias Lämpchen.

Rot.

Live.

Die Zahl im Display stand bei hunderttausend.

Clara bückte sich, hob das vor Fett triefende Brötchen mitsamt der Wurst vom Boden – und schmierte es dem Mann mit einer harten, wischenden Bewegung mitten ins Gesicht.

Ein Passant rief „He!“. Ein anderer zog sein Handy. Mia keuchte und hielt die Kamera drauf, beide Ellbogen an den Rippen.

Neugierig, wie es weitergeht?

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