Leseprobe
Jack & Clara · Band 12
Die Hexe von Carnuntum
Kapitel 1 – Das Eis und das Blut
„Bero!“
„Ich bin hier.“
„Wo bist du?“
„Hinter dir. Ich halt dich.“
„Ich halt's nicht aus. Es brennt. Bero, es brennt!“
Ihre Haut war nass unter seinen Händen. Unter dem Stoff spürte er die Rippen, jede einzelne. Es war ein langer Winter gewesen. Ihr Atem stand weiß in der Luft, und wo die Glut nicht hinreichte, war der Lehm unter seinen Knien gefroren.
„Oh Götter. Ich, ich kann nicht.“
„Du kannst.“
„Ich kann nicht!“
Sie schrie.
Die Hunde fuhren hoch und warfen sich gegen die Tür. Sie bellten in den Wald hinaus. Ein Schrei wie dieser trug weit in einer Winternacht. Wölfe hörten ihn. Andere auch.
Bero horchte zur Tür. Dann wieder zu ihr.
Es ließ nach. Sunna sackte gegen ihn, nass, zitternd. Die Hunde standen an der Tür, das Fell gesträubt, und schwiegen.
„Bero.“
„Ich bin hier.“
„Wenn ich –“
„Nein.“
Er hatte Frauen so schreien hören. Nicht alle hatten danach wieder gesprochen.
Jahre. Jahre hatten sie auf dieses Kind gewartet.
Die nächste kam. Sie schrie seinen Namen, die Hunde bellten wieder in die Nacht, und er hielt sie. Mehr konnte er nicht tun.
„Ich seh's. Den Kopf. Sunna, jetzt. Jetzt!“
Das Kind glitt auf die feuchte Erde.
Beide warteten auf den Schrei.
Er kam nicht.
An der Tür verstummten die Hunde.
„Wie ist es?“, flüsterte Sunna. „Wo ist es? Zeig sie mir. Los. Wo?“
Bero ließ sie los.
Sunna hob das Kind selbst hoch. Die kleine Brust ging auf und ab, langsam, ohne Hast. Es schlug die Augen auf. Blau. Nicht das Blau der Neugeborenen. Das Blau alter Gletscher. Auf dem Kopf lag ein Flaum, weiß wie Reif.
„Es ist schön“, flüsterte sie. „Sie ist so schön.“
„Warum schreit sie nicht?“ Beros Stimme brach. „Sunna. Schnell. Warum schreit sie nicht? Atmet es?“
„Es atmet“, sagte Sunna. „Es will nur nicht schreien.“
Sie legte den Mund an das Ohr des Kindes und sagte einen Namen. Bero hörte ihn nicht. Er fragte auch nicht. Ein Name, der über die Schwelle der Hütte getragen wurde, gehörte allen. Dieser sollte mit der Mutter verbrennen.
Die Priester würden das Mädchen später nur nach seiner Aufgabe rufen: Gefäß. Der Name, unter dem diese Geschichte sie kennt, lag noch Jahre und Meilen entfernt. In einem Mund, der Latein sprach.
* * *
„Halt das Seil!“
„Ich halt's doch!“
„Verdammt, halt es!“
Wasser lief dem Jungen in die Augen. Der Hanf war schwer und glitschig, und jedes Mal, wenn der Stein sich bewegte, rutschte er ihm ein Stück durch die Finger und nahm Haut mit. Unter seinen Füßen gab der Lehm nach.
„Ich kann nicht – ich kann nicht!“
„Mehr Männer an die Nordseite!“
Neben ihm fiel einer der Länge nach in den Schlamm und zog im Liegen weiter.
Hinter ihnen, auf der Erdrampe, standen zwei Priester, die Kapuzen tief im Gesicht.
„Seit dem Abend regnet es.“
„Ich weiß.“
„Das Loch läuft voll. Die Keile sitzen im Schlamm.“
„Ich weiß.“
„Das Holz ist nass. Wenn ein Hebel abrutscht –“
„Dann rutscht er ab.“
„Dann liegen Männer darunter.“
„Männer haben wir.“ Der Älteste sah nicht nach unten. „Wenn der Stein nach Süden kippt, bricht er. Dann warten wir fünf Jahre auf einen neuen.“
„Wir haben keine fünf Jahre.“
„Nein.“
Der Junge hatte es gehört. Er hielt fester.
„Da. Die Wolken.“
Über den Querblöcken riss der Himmel auf. Ein Sternbild schob sich auf die Lücke zu.
„Eine Handbreit noch.“
„Dann weniger.“
„Wie viele?“, fragte der Junge über die Schulter. Er sah an den Steinen hinauf, die um sie im Kreis standen.
„Zähl sie“, sagte der Älteste.
Der Junge zählte nicht.
„Für jeden einer“, sagte der Älteste. „Jeder Stein steht für eines, das wir gegeben haben. Das hier ist kein Kreis. Das hier ist ein Gedächtnis aus Blut.“
„Der Kult ist älter als die Erinnerung der Menschen.“ Der Älteste sprach zum Himmel, nicht zu ihm. „Die ersten Steine standen schon, als die Welt noch aus Eis war, ausgerichtet nach den Bahnen der Sterne. Länger als jedes Reich, das sich selbst in Stein geschrieben hat.“ Er hob das Kinn zu dem Zeichen. „Der Himmel wandert. Die Sterne wandern mit. Wenn das Zeichen dort steht und das Kind seinen ersten Atemzug tut, fangen wir die Zählung von vorn an.“
„Woher wissen wir, dass es atmet?“
„Weil das Zeichen dort steht.“
„Jetzt!“
„Keile raus! Zieht!“
Die Ochsen stemmten sich ins Joch. Das Seil sprang straff, und einer der Männer hing darin. Er hatte es sich um den Unterarm geschlungen, um besser zu halten. Jetzt hielt es ihn.
Er schrie.
Die Schlinge zog sich zu. Er stemmte die Füße in den Schlamm, riss, warf sich zurück. Das Seil gab nicht nach. Die Hand unter der Schlinge lief blau an. Die Finger bewegten sich nicht mehr.
„Haltet ihn!“
Hände packten ihn, an den Schultern, am Gürtel, am Nacken. Einer drehte ihm den Kopf weg, zur Seite, in den Regen.
Wind peitschte über die Grube. Überall Geschrei. Über ihnen schwankte der Stein, schwer wie zwanzig Ochsen, auf nassem Holz.
„Das Seil bleibt!“
Das Beil kam.
Ein Schlag. Der Mann bäumte sich in den Händen auf. Ein zweiter. Ein dritter.
Blut lief in den nassen Boden, viel, und der Regen nahm es mit.
Er stürzte zur Seite weg. Einer band ihm den Stumpf mit einem Riemen ab, ein anderer schob ihm ein Stück Holz zwischen die Zähne. Er lag im Schlamm und zitterte.
Niemand blieb bei ihm. Der Stein schwankte.
„Zieht!“
Ein Zurren im Seil. Dann ein dumpfer Aufprall, und der Schlamm spritzte bis zu den Ochsen.
Für einen Atemzug sagte keiner etwas.
„Nach links. Eine Handbreit.“
„Noch eine.“
„Gut.“
„Einer ist nichts“, sagte der Älteste. „Der Nächste.“
Am dritten Tag kamen die Sucher zum Ältesten. Sie standen schon in ihren Reisemänteln.
„Das Gefäß lebt. Wie lange sollen wir noch warten?“
„Bis der letzte steht.“
„Es atmet irgendwo, und wir stehen hier im Schlamm.“
„Die Steine zuerst.“
Am Abend sackte der nächste in sein neues Loch. Der Älteste sah dem Staub zu, der sich um den Stein legte.
„Wer die Steine einmal findet, in ferner Zeit“, sagte er, „wird glauben, Riesen hätten sie gesetzt. Und nicht wissen, dass wir sie nur für das letzte Opfer an diese Stelle gerückt haben.“
Neugierig, wie es weitergeht?
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