Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 15

Jack und Clara an der kurzen Leine

Kapitel 1 – Die Treibjagd

Die Revierkarte lag auf der Motorhaube. Jack strich sie ein letztes Mal glatt, mit der flachen Hand, von der Fichtenreihe bis zum Buchenschlag, und legte zwei Steine auf die Ecken, damit der Wind sie nicht holte.

Der Morgen gehörte ihm. So hatte Jack Thornton es geplant, und Jack plante ungern umsonst.

Seit fünf war er auf den Beinen. Die Stände abgeschritten, als der Wald noch schwarz war. Die Schneisen abgeleuchtet. Den Funk zweimal geprüft, weil einmal bei ihm nie zählte.

November. Nasses Laub, Diesel, kalter Rauch vom Feuer der Treiber.

Ein guter Geruch.

Um Punkt neun stand alles bereit. Zwölf Treiber in orangeroten Westen. Zwei Hundeführer, deren Wachtelhunde an den Leinen zerrten und winselten, weil es endlich losgehen sollte.

Entlang des Buchenschlags, in einer sauberen Reihe, seine Gäste. Seine Kunden. Die halbe Auftragslage des nächsten Jahres, in neuen Jagdjacken, an zweien hing noch das Preisschild.

Dazu zwei Herren von der Bank.

Und ein Investor aus der Stadt, der noch nie ein Stück Wild gesehen hatte, das nicht filetiert auf einem Teller lag. Er grinste trotzdem. So grinsten Männer, die am Vortag die Alpen gekauft hatten.

Weiter hinten, wo der Kaffee aus der Thermoskanne dampfte, standen Mike, George und Martin. Jagdkumpels seit der Schulzeit. Heute als Standbetreuer, und in der wichtigeren Funktion, den Investor davon abzuhalten, mit der geliehenen Flinte auf irgendetwas zu zeigen, das keine Zielscheibe war.

Martin schenkte ein. George trank. Mike sah auf sein Handy.

Mike sah immer auf sein Handy.

„Schöner Stand hier“, sagte der Investor und klopfte Jack auf die Schulter. „Das ist alles Ihres?“

„Bis zur Fichtenreihe drüben.“

Jack hob das Kinn Richtung Osten. Wessen Grund hinter den Fichten begann, sagte er nicht dazu. Den Hof dahinter kannte er seit zwölf Jahren nur von der Straße: Studium in Linz, dann die Firma, dann ein Haus, in dem er schlief.

Er hatte sich fest vorgenommen, heute nicht an die Nachbarin zu denken.

Es hielt ungefähr bis neun Uhr zwei.

In der Jackentasche brummte das Handy. Zweimal.

Bianca. Ein Spiegel-Selfie im Bademantel, darunter: Welches Kleid für die Gala am Freitag? Das goldene oder das goldene?

Darunter seine Schwester. Anna schrieb Einladungen wie Mahnungen. Sonntag Schweinsbraten. Keine Ausrede. Mike sagt, du hast seit August nichts gegessen, was du nicht selbst geschossen hast.

Jack steckte das Handy weg. Ohne zu antworten. Beiden nicht.

Er hob die Hand.

Die Treiber setzten sich in Bewegung, die Hunde stoben in den Schlag, und für einen Augenblick war da nur das, wofür Jack um fünf aufstand.

Nasses Laub unter vielen Stiefeln. Das ferne Klopfen der Treiberstöcke. Irgendwo im Dickicht eine Hundemarke, die gegen ein Halsband schlug. Die Flinten kamen hoch, eine nach der anderen, die ganze Reihe entlang.

Und dann eine Trillerpfeife.

Nicht seine.

Schrill, in wütenden kleinen Salven. Von der falschen Seite. Von der Grenze.

Der Wald antwortete prompt. Was Richtung Schützen hätte wechseln sollen, brach in die andere Richtung aus. Ein Rudel Rehe sprengte quer durch den Trieb, weiße Spiegel zwischen den Stämmen, und weg waren sie. Ein Treiber fluchte. Einer der Wachtelhunde heulte auf, persönlich beleidigt.

„War das ein Wildschwein?“, fragte der Investor begeistert.

„Nein“, sagte Jack.

Es war schlimmer.

Sie stand am Grenzstein, keine dreißig Meter entfernt. Gummistiefel. Ein dicker, formloser Pulli, der jede Linie verschluckte. Eine Hose, an den Knien schon blank, die sie seit Jahren tragen musste. Unter der Wollmütze hing ein Zopf hervor, schwarz und nass.

In der freien Hand ein Pappschild.

MORD IST KEIN HOBBY.

Großbuchstaben, mit dickem Filzstift. Im Regen hatten sie schon zu weinen begonnen.

Clara Hofer. Natürlich.

„Sie kennen die Dame?“, erkundigte sich einer der Bankherren vorsichtig.

„Wir sind Nachbarn“, sagte Jack.

Der Bankherr nickte langsam. So nickten Bankherren bei Diagnosen.

Jack ging hinüber. Nicht schnell. Schnell hätte ihr das Vergnügen gegönnt, ihn rennen zu sehen.

Einen Schritt vor dem Grenzstein blieb er stehen, die Stiefelspitzen genau an der Linie.

„Frau Hofer.“ Seine Stimme war ruhig. „Sie stehen auf Ihrem Grund. Gratuliere. Sie pfeifen auf meinen.“

„Schall kennt keine Grundgrenzen.“ Sie ließ die Pfeife sinken, nur so weit, dass sie jederzeit wieder loslegen konnte. Ihre Wangen waren rot. Kälte vermutlich. Nicht nur. „Und Ihre Gäste ballern auf alles, was ein Fell hat, damit ein Herr aus der Stadt sich wie ein Mann fühlt. Nicht mit mir.“

Hinter Jack hob der Herr aus der Stadt sein Handy und fing an zu filmen.

„Es ist eine reguläre, genehmigte, gehegte Jagd. Wir entnehmen, was der Wald verträgt. Sie verscheuchen es, damit es im Winter verhungert. Das nennen Sie Tierliebe.“

„Das nennen Sie Ausrede.“ Sie trat einen halben Schritt näher an den Grenzstein. „Wissen Sie, was ich heute Früh um sechs gemacht habe? Hundertvierzig Hühner gefüttert. Wissen Sie, was Sie um sechs gemacht haben? Den bequemsten Weg gesucht, um Tiere vor Publikum umzubringen.“

„Um fünf“, sagte Jack. „Und wenn Sie glauben, dass Hege bequem ist, dann laden Sie mich im Januar ein, wenn Ihr Jungwald verbissen ist bis auf den Stock.“

Sie hob die Pfeife wieder an die Lippen. Langsam. Sah ihn dabei an, über das Metall hinweg, und in den braunen Augen blitzte etwas, das nicht nach Tierschutz aussah. Eher nach Spaß.

Für eine halbe Sekunde kannte Jack diesen Blick.

Von irgendwoher. Aus einem Leben, in dem Nachbarn noch keine Strafe Gottes gewesen waren.

Dann war es weg, wie ein Reh, das über die Schneise wechselt. Zu schnell, um es anzusprechen.

Sie pfiff.

Der Rest des Triebs zerfiel. Die Hunde wurden irr und zerrten ihre Führer in drei Richtungen gleichzeitig. Die Treiber blieben zwischen den Stämmen stehen und sahen sich an. Der Investor schwenkte das Handy über die ganze Szene.

„Und hier sehen wir die Einheimische in ihrem natürlichen Lebensraum“, sprach er hinein.

Die beiden Bankherren steckten die Köpfe zusammen.

„Unterhaltung“, flüsterte der eine.

„Betriebsunfall“, flüsterte der andere.

„Steuerlich, meine ich.“

„Ich auch.“

Jack ging zu seinen Gästen zurück. Er lächelte. Er schüttelte Hände. Er versprach ein Frühstück, das alles wieder gutmachen würde: Wildschweinbratwürste vom Grill, Speck aus der eigenen Räucherkammer und einen Schnaps, der die Erinnerung an die Trillerpfeife mildern sollte.

Hinter dem Lächeln drehte sich ganz ruhig und ganz kalt ein einziger Satz.

Neugierig, wie es weitergeht?

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