Leseprobe
Jack & Clara · Band 11
Jack und Clara in gefährlicher Mission
Der Parkplatz (Die Geburt einer Schnapsidee)
Die unerbittliche texanische Vormittagssonne spiegelte sich blendend auf dem blank polierten Chrom des offenen 1969er Cadillacs. Es war Punkt 11 Uhr im Großraum Dallas, für texanische Verhältnisse angenehm milde 75 Grad Fahrenheit, und Paul Rowland – Jacks Vater – war die Ruhe selbst. Mit Mitte sechzig war er noch immer verdammt gut in Schuss. Seine Investmentfirma, die Rowland Holding, schnurrte wie ein Uhrwerk, und seine Frau Margaret, die er über alles liebte, lebte nun schon seit dreißig Jahren glücklich und zufrieden an seiner Seite. Er rechnete fest damit, in gut einer Stunde in seiner Vorstadtvilla zu Hause zu sein, um mit ihr, wie jeden Tag, einen fabelhaften Lunch zu genießen. Es würde ihnen beiden hervorragend schmecken.
Das arrangierte Golfduell mit zwei potenziellen Großkunden war perfekt aufgegangen. Die Verträge waren, wie es sich gehörte, per traditionellem texanischem Handschlag besiegelt worden. Hochzufrieden wuchtete Paul sein teures Golfbag auf die Rückbank des wuchtigen Cabrios. Er ließ sich auf den weichen Ledersitz gleiten, drehte den Zündschlüssel und weckte den brüllenden V8-Motor auf. Ein tiefes, grollendes Blubbern erfüllte die heiße Luft.
Zur selben Zeit öffnete sich die automatische Glasschiebetür des elitären Clubhauses, und ein Mann trat ins Freie: Rajesh Sharma, Claras Vater.
Rajesh trug keine Golfschuhe, sondern bequemes, praktisches Schuhwerk. Er hatte gerade höchstpersönlich die Arbeit seiner Mitarbeiter kontrolliert. Die Sanitäranlagen des elitären Country Clubs blitzten und rochen wieder durchdringend nach Zitrone – genau so, wie es der eiserne Standard seiner Reinigungsfirma Sharma Cleaning Services verlangte. Zur Feier des Tages war er ausnahmsweise einmal vollkommen zufrieden mit seinen Angestellten. Er hatte sich fest vorgenommen, den restlichen Tag zu Hause zu verbringen. Wann war das das letzte Mal passiert? Vor drei Wochen? Die Firma lief zwar, aber Rajesh musste ständig hinterher sein. Nichts funktionierte von selbst, andauernd gab es Zoff mit der Kundschaft. Aber heute war eine absolute Ausnahme; es konnte eigentlich genau so weitergehen.
Während er auf seinen Wagen zuging, dachte er an die wechselhafte Geschichte seiner Firma. Sie hatte wahrlich schon bessere Tage gesehen, auch wenn sich die Auftragslage langsam wieder normalisierte. Ein brutaler Börsencrash hatte vor zehn Jahren zwei seiner größten Kunden in die Insolvenz gerissen und seine damals hervorragend laufende Firma fast mit in den Abgrund gezogen. Die Jahre danach waren ein reiner Spießrutenlauf gewesen, ein ständiges Balancieren am Rand der Existenz. Am meisten schmerzte es ihn bis heute, dass er seiner geliebten Tochter die teure Privatschule nicht mehr bezahlen konnte. Clara musste ihre exzellente Schulausbildung damals abrupt abbrechen. Es tat ihm noch immer im Herzen weh, wenn er sah, wie seine Tochter im Büro oder bei Außeneinsätzen mithelfen musste, anstatt ihr eigenes Leben zu leben.
Zufrieden öffnete Rajesh seinen Firmenwagen, einen kleinen, weißen Mitsubishi-Bus. Er stieg ein, startete den bescheidenen Motor und legte den Rückwärtsgang ein.
Ein paar Meter weiter saß Paul in seinem Cadillac und war in Gedanken bereits bei seiner, für ihn noch immer unfassbar hübschen, gleichaltrigen Frau Margaret. Vielleicht überrascht sie mich heute wieder mit diesem schwarzen, engen Rock und der weißen Bluse, dachte er. Er schloss nur für einen winzigen Augenblick die Augen. Die Vorstellung seiner Frau in diesem kurzen Rock war einfach zu köstlich, um sie sofort wieder zu verdrängen.
Doch dieser eine Moment der Unaufmerksamkeit rächte sich sofort. Sein Fuß drückte das Gaspedal nur eine Spur zu fest nach unten. Der zwei Tonnen schwere Cadillac machte einen kleinen Satz und hüpfte sanft nach vorne. Pauls schneller Tritt auf die Bremse kam einen Wimpernschlag zu spät.
Tock.
Es war kaum mehr als ein sanfter Stupser. Hinten im Mitsubishi klirrte ein Wischeimer gegen eine Aluminiumstange.
Paul fluchte leise, stellte den Motor ab und stieg aus. Auch Rajesh zog sofort die Handbremse und sprang aus seinem Bus, bereit, dem unachtsamen Fahrer ordentlich die Meinung zu geigen.
Der Größenunterschied der beiden Fahrzeuge war fast komisch – der riesige Cadillac wirkte, als hätte er den kleinen Mitsubishi am liebsten zum Frühstück gefressen. Beide Männer traten an das Heck des Busses und beugten sich hinab.
Da war er. Ein winziger, vielleicht zwei Zentimeter langer Kratzer im Plastik der Stoßstange, nicht dicker als ein Haar.
„Verzeihen Sie vielmals“, sagte Paul sofort und hob beschwichtigend die Hände. „Das war ganz allein meine Schuld. Ich war in Gedanken woanders. Paul Rowland.“ Er streckte höflich die Hand aus.
Rajesh blickte von dem lächerlichen Kratzer auf und musterte den elegant gekleideten Texaner. Er seufzte innerlich. Der Tag hatte eigentlich so unerwartet gut begonnen. Er hatte, wie so oft, mit mühsamen Beanstandungen bei diesem Kunden gerechnet, aber nein – überraschenderweise passte alles. Und da dieser reiche Texaner nun auch noch sofort seine Schuld eingestand, verflog Rajeshs Ärger auf der Stelle.
„Rajesh Sharma“, sagte er und schlug kräftig ein. „Aber meine amerikanischen Kunden nennen mich alle Ratschi. Machen Sie sich keinen Kopf, Mr. Rowland. Der Kratzer ist kaum zu sehen. Meine Putzeimer haben schon Schlimmeres überlebt.“
Paul lachte hörbar aufatmend. „Nennen Sie mich Paul. Sind Sie sicher? Ich komme natürlich für jeden Schaden auf. Wie gesagt, ich war abgelenkt. Die Geschäfte laufen gut, aber die Familie…“ Er verdrehte theatralisch die Augen. „Vielleicht kann ich Sie auf einen Kaffee oder Tee im Golfclub überreden, und wir klären dort kurz diese kleine Blessur?“
Rajesh nickte. Für die heutige, schnelle Inspektion war eigentlich viel mehr Zeit eingeplant gewesen, und sein nächster Termin in der Innenstadt war erst in drei Stunden. Also warum nicht?
Paul fuhr seine große Karre schnell wieder zurück auf den Parkplatz. Wie ärgerlich, dachte er. Diese schöne Vorfreude auf zu Hause! Aber ich komme ja bald.
Bei seinem „Kätzchen“ – so nannte er seine Frau liebevoll – musste er sich jedoch schnell melden. Er wählte ihre Nummer. „Hallo, mein Schatz. Ich komme leider etwas später. Ich hatte einen Unfall.“ Er sagte es ganz bewusst extrem theatralisch. Er liebte es, wenn seine Frau sich aufregte.
Ein kurzes, spitzes Keuchen war die sofortige Gegenmeldung am anderen Ende der Leitung. Aber sie kannte ihren „Kater“ – so nannte sie ihn wiederum – nur zu gut und wusste, dass er gerne maßlos übertrieb.
„Geht es dem Auto gut?“, fragte sie trocken.
„Was meinst du?“, erwiderte Paul empört. „Dem Auto? Und was ist mit mir?“
Jetzt lachte sie hell am Telefon auf.
„Nein, wirklich, ich bin da in ein anderes Auto gerollt. Nur ein kleiner Kratzer. Dein Kater ist etwas später zu Hause.“
„In der Zwischenzeit richte ich alles her“, schnurrte sie leise. „Wenn du da bist, dann…“ Und sie legte auf.
Okay, Paul, sagte er sich selbst, bring das hier schnell über die Bühne!
Er schnappte sich Rajesh, und gemeinsam nahmen sie auf der sonnigen Terrasse des Clubs Platz. Zunächst wurde ein Kaffee für Paul und ein Tee für Rajesh bestellt. Da sich hier jedoch zwei fast gleichaltrige, hart arbeitende Geschäftsmänner gegenübersaßen, kam kurze Zeit später doch noch die Frage nach einem guten Cognac und einem fassgereiften Whisky auf. Der Alkohol brachte bei beiden Männern sofort eine angenehme Lockerung. Der Blechschaden war in zwei Minuten geklärt: Paul legte 100 Dollar auf den Tisch, und die Sache war erledigt. Es war völlig unnötig, sich für diesen Kratzer noch mit irgendeiner Schreiberei oder einer Versicherung auseinanderzusetzen.
Kaum hatten sie sich zurückgelehnt, summte Pauls Telefon. Er warf einen kurzen Blick auf das Display, hob entschuldigend die Hand und nahm ab. Der joviale, warme Ton, mit dem er eben noch über den Kratzer gescherzt hatte, war schlagartig verschwunden.
„Ja. … Nein. Die Frist ist heute Mittag abgelaufen.“ Eine Pause, während Paul gelangweilt an seiner Manschette zupfte. „Es interessiert mich nicht, wie viele Anwälte er auffährt. Kauft still seine Schulden auf und zieht sie über Nacht fällig. Bis Freitag entscheidet er sich: verkaufen – oder untergehen.“ Eine letzte, kurze Stille. Seine Stimme wurde noch eine Spur leiser. „Und ruf unseren Kontakt in Washington an. Er schuldet der Familie noch etwas. Es wird Zeit, dass er zahlt.“
Paul legte auf, schob das Telefon zurück in die Sakkotasche, und im selben Augenblick lag das warme, gemütliche Lächeln wieder auf seinem Gesicht, als wäre nichts gewesen.
Rajesh, der unwillkürlich mitgehört hatte, spürte, wie ihm ein kleiner, kalter Schauer über den Rücken lief. Er schluckte und griff etwas zu hastig nach seinem Glas. Der zerstreute, freundliche Texaner, der ihm gerade hundert Dollar für einen Kratzer hingelegt hatte, spielte offenbar noch in einer ganz anderen, weitaus härteren Liga. Aber der Cognac war gut, die Sonne schien, und Rajesh verscheuchte den Gedanken so schnell, wie er gekommen war.
Als ihnen zum Abschluss dann noch ein feiner Sherry serviert wurde, fielen die letzten Schranken der Höflichkeit. Paul klagte sein einziges, großes Leid: sein Sohn Jack.
„Damals, als er aus der Armee zurückkam, war er ein völlig anderer“, seufzte Paul, während der süße Sherry seine Kehle hinabfloss. „Er liebte plötzlich das wilde Leben und die Frauen. Und vor allem die Frauen! Warum kann er sich nicht mit einer einzigen zufrieden geben? Wäre da bloß eine… Mein Sohn Jack bringt mich noch ins Grab. Der Junge ist ein brillanter Kerl, achtundzwanzig Jahre alt, war beim Militär, aber er denkt nicht im Traum daran, sesshaft zu werden oder sich eine vernünftige Frau zu suchen.“
Da schlug Rajesh plötzlich in genau dieselbe Kerbe. Auch bei ihm hatten der Cognac und der Whisky ihre Wirkung entfaltet. „Meine Tochter Clara war einst der absolute Stern in ihrer Schule. Aber nachdem es meiner Firma schlechter ging, musste ich sie von der Schule nehmen. Nun sitzt sie bei mir im Büro oder hilft bei der harten Arbeit mit, und sie ist ganz alleine.“ Ein wehmütiges, verständnisvolles Lächeln trat auf sein Gesicht. „Erzählen Sie mir nichts von sturen Kindern, Paul. Meine Tochter Clara ist siebenundzwanzig, wunderschön, hochintelligent und arbeitet unermüdlich. Aber wenn es um Männer geht? Ein Eisblock! Sie schiebt immer nur die Firma vor. Ich fürchte, sie wird als alte Jungfer enden, umringt von meinen Wischeimern.“
Bei dem Wort „Firma“ wurde plötzlich Pauls geschäftlicher Jagdinstinkt geweckt. Jetzt erst warf er von der Terrasse aus einen genaueren Blick auf die Visitenkarte, die Rajesh ihm vorhin gegeben hatte. In Dallas hatte Pauls eigenes, riesiges Unternehmensimperium noch keine Niederlassung für professionelle Gebäudereinigung. Er nahm die Karte in die Hand. Während Rajesh weiter über seine Tochter redete, war Paul im Kopf schon drei Schritte weiter. Man könnte diese Firma doch einfach kaufen, dachte er. Egal, wie sie finanziell dasteht. Es ist immer besser, in einer neuen Stadt mit etwas bereits Vorhandenem zu starten. In seinem Alter zählten schließlich Monate, keine Jahre.
„Meine Tochter“, führte Rajesh derweil aus, „sitzt seitdem nur mehr herum, geht nicht fort, und hey, sie ist siebenundzwanzig Jahre alt.“
„Mein Sohn achtundzwanzig“, ergänzte Paul leise.
Ein langsames, fast diabolisches Grinsen breitete sich auf Pauls Gesicht aus. Er legte die Visitenkarte auf den Tisch.
„Sagen Sie, Ratschi…“, murmelte Paul und rieb sich nachdenklich das Kinn. „Wie weit würden Sie gehen, um Ihre Tochter zu ihrem Glück zu zwingen?“
Rajesh zog eine Augenbraue hoch. „Ziemlich weit. Warum?“
Paul beugte sich über den kleinen Tisch vor und flüsterte ihm seinen verwegenen Plan zu. Rajesh reagierte anfangs zögerlich und verneinte heftig. Man konnte doch die eigenen Kinder nicht derart erpressen! Aber je länger er darüber nachdachte, desto mehr wurde ihm klar: Das könnte tatsächlich funktionieren.
Nach zehn weiteren Minuten war die Sache abgemacht und in trockenen Tüchern.
„Wir sind schreckliche Väter“, murmelte Rajesh und schüttelte lachend den Kopf.
„Die absolut Schlimmsten“, bestätigte Paul hochzufrieden und leerte sein Glas. „Sie werden uns dafür hassen.“
„Zumindest bis nach der Hochzeit.“ Rajesh streckte erneut die Hand aus, diesmal nicht zur Begrüßung, sondern um ein wasserdichtes Bündnis zu besiegeln. „Deal?“
