Leseprobe
Jack & Clara · Band 11
Liebesgrüße aus Delhi
Kapitel 1 – Die Erpressung der Väter
Der Kratzer
Elf Uhr, Großraum Dallas, fünfundzwanzig Grad, für Texas fast frisch.
Die Sonne lag auf dem Chrom des offenen 1969er Cadillacs, und Paul Rowland lag innerlich in einer Hängematte. Mitte sechzig. Die Rowland Holding lief wie ein Schweizer Uhrwerk.
Margaret, seit dreißig Jahren seine Frau und noch immer die einzige, wartete zu Hause mit dem Mittagessen. Paul sah auf seine Armbanduhr. In einer Stunde saß er auf der Veranda.
Das Golfduell mit den zwei Immobilienleuten war nach Plan gelaufen. Paul klopfte auf die Brusttasche, in der es knisterte. Handschlag, Vorverträge, trockene Tinte.
Paul wuchtete das Golfbag auf die Rückbank, ließ sich ins sonnenwarme Leder fallen und startete den V8.
Der Motor blubberte tief über den Parkplatz. Zwei Caddies drehten die Köpfe. Paul hob die Hand, als hätten sie applaudiert.
Zur selben Zeit glitt die Glastür des Clubhauses auf. Rajesh Sharma trat ins Freie und kniff die Augen zusammen.
Die Mitglieder trugen maßgefertigte Golfschuhe. Rajesh trug Sneakers mit abgelaufenen Sohlen.
Er kam aus den Sanitäranlagen, wo er die Arbeit seiner Kolonne abgenommen hatte: jeden Wasserhahn, jede Fuge, jeden Spiegel.
Er war mit dem Zeigefinger über die Oberkante eines Handtuchspenders gefahren, wo nie einer hinsah, und der Finger war sauber geblieben.
Es roch nach Zitrone. So stand es im Vertrag von Sharma Cleaning Services, und so war es.
„Gut“, hatte er zu seiner Vorarbeiterin gesagt.
„Nur gut?“
„Sehr gut. Sag’s nicht weiter.“
Heute wollte er nach Hause und die Füße hochlegen. Die Firma trug sich wieder. Aber sie trug sich nur, solange er danebenstand.
Nichts lief von allein, und irgendein Kunde fand immer einen Fleck, der nicht da war.
Auf dem Weg über den Asphalt wog er den Autoschlüssel in der Hand, und die schlechten Jahre kamen mit, wie immer, wenn es gerade gut lief.
Vor zehn Jahren hatte ein Börsencrash seine zwei größten Kunden in die Insolvenz gerissen und Sharma Cleaning Services fast mit.
Danach: Balancieren am Rand. Und der Schnitt. Die Gebühren für Claras Privatschule, die er nicht mehr bezahlen konnte. Seine kluge Tochter hatte gehen müssen. Er sah noch den Karton mit ihren Heften auf dem Beifahrersitz.
Jetzt saß sie nachts im fensterlosen Büro oder kniete draußen vor einem Industrieboden. Wenn er sie so sah, blieb er jedes Mal in der Tür stehen und ging dann leise wieder.
Er stieg in den weißen Mitsubishi-Bus, verbeult an drei Ecken, startete den rasselnden Motor und legte den Rückwärtsgang ein.
Ein paar Meter weiter war Paul in Gedanken schon zu Hause. Vielleicht überrascht sie mich wieder mit dem schwarzen, engen Rock und der weißen Seidenbluse, dachte er und schloss für einen Augenblick die Augen. Die Vorstellung war zu schön für einen Parkplatz.
Der Augenblick war einer zu viel. Der Lederschuh drückte das Gaspedal eine Spur zu tief. Zwei Tonnen Cadillac machten einen Satz. Der Tritt auf die Bremse kam einen Wimpernschlag zu spät.
Tock.
Ein Stupser. Mehr nicht. Hinten im Mitsubishi schepperte ein Wischeimer gegen eine Aluminiumstange.
Paul fluchte gedämpft, stellte den Motor ab und stemmte sich aus dem Wagen. Rajesh riss die Handbremse hoch und sprang aus der Fahrerkabine.
Er hatte den ersten Satz schon im Mund, einen scharfen, und den zweiten gleich dahinter.
Nebeneinander auf dem Asphalt sahen die beiden Wagen aus wie ein Hai neben einem Toastbrot. Der Cadillac glänzte, als hätte er den Mitsubishi am liebsten als Snack verschlungen. Beide Männer beugten sich über das Heck des Busses.
Da war er. Ein Kratzer im Plastik der Stoßstange. Zwei Zentimeter. Nicht dicker als ein Haar.
Rajesh ging in die Hocke und rieb mit dem Daumen darüber. Der Kratzer blieb.
Er rieb noch einmal, fester. Der Kratzer blieb auch diesmal. Paul zog das Handy heraus und fotografierte ihn, aus zwei Winkeln, mit Blitz.
„Für die Akten“, sagte er. Rajesh sah ihn an, als hätte er vorgeschlagen, den Kratzer zu rahmen.
„Verzeihen Sie mir aufrichtig“, sagte Paul sofort und hob die gepflegten Hände. „Das war ganz allein meine Schuld. Ich war in Gedanken völlig woanders. Paul Rowland.“ Er streckte ihm die Hand hin.
Rajesh sah von der Schramme auf. Vor ihm stand ein Texaner in einem Hemd, das mehr gekostet hatte als der Bus, und übernahm die Schuld, bevor irgendwer danach gefragt hatte. Der erste scharfe Satz verschwand. Der zweite gleich mit.
„Rajesh Sharma“, erwiderte er und schlug ein. Seine Hand war rau von den Jahren mit Eimer und Maschine. „Aber meine amerikanischen Kunden nennen mich schlicht Ratschi. Machen Sie sich keinen Kopf, Mr. Rowland. Der Kratzer ist im Grunde unsichtbar. Meine Putzeimer haben schon deutlich Schlimmeres überlebt.“
Paul lachte, erleichtert. „Nennen Sie mich Paul. Sind Sie sich wirklich sicher? Ich komme selbstverständlich für jeden noch so kleinen Schaden auf. Die Geschäfte laufen hervorragend, aber die Familie …“
Er verdrehte mit einem Augenzwinkern die Augen. „Vielleicht darf ich Sie als kleine Wiedergutmachung auf einen Kaffee drüben auf der Clubterrasse einladen? Wir klären diese kleine Blessur wie zivilisierte Männer.“
Rajesh sah auf seine Armbanduhr, das Glas so zerkratzt wie die Stoßstange. Der nächste Termin in der Innenstadt war erst in drei Stunden. Warum eigentlich nicht?
Paul setzte sein Schlachtschiff zurück in die Lücke. Wie ärgerlich, dachte er, während er den Schlüssel abzog. Diese wundervolle Vorfreude auf zu Hause. Er zog das Smartphone aus der Sakkotasche und wählte Margarets Nummer.
„Hallo, mein Schatz. Ich komme leider etwas später. Ich hatte einen Unfall.“ Er betonte das Wort. Er mochte es, wenn sie sich sorgte.
Am anderen Ende ein kurzes Keuchen. Dann nichts. Sie kannte ihren „Kater“ seit dreißig Jahren und wusste, wie viel man bei ihm abziehen musste.
„Geht es dem Auto gut?“, fragte sie trocken.
„Was meinst du?“, erwiderte Paul empört. „Dem Auto? Und was ist mit mir, deinem geliebten Ehemann?“
Margaret lachte, hell und warm.
„Nein, im Ernst, ich bin beim Ausparken in ein anderes Auto gerollt. Nur ein winziger Kratzer. Dein Kater verspätet sich ein wenig.“
„In der Zwischenzeit richte ich alles her“, schnurrte sie, und ihre Stimme rutschte eine Etage tiefer. „Wenn du da bist, dann …“ Sie legte auf.
Paul sah das Display an. Er steckte das Handy weg.
Neugierig, wie es weitergeht?
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