Leseprobe
Jack & Clara · Band 9
Warum Clara ein Engel und Immanuel Kant ein Wi**er ist
Kapitel 1 — Die Fahrt ins Nirgendwo
Die kaputten Stoßdämpfer des alten Ford-Transporters waren seit Jahren völlig hinüber. Jedes verdammte Schlagloch auf der unbeleuchteten, einspurigen Landstraße übertrug sich ungefiltert durch das kalte, rostige Blech und schlug den drei Frauen wie ein dumpfer Faustschlag direkt in die Wirbelsäule. Clara saß auf der durchgesessenen Rückbank im Dunkeln, die widerlich nach abgestandenem, altem Schweiß und dem süßlichen, klebrigen Gestank eines billigen Wunderbaums roch. Ihre schwere Sporttasche hielt sie wie einen letzten, verzweifelten Schutzschild fest auf den Knien umklammert.
Darin befand sich ihr komplettes Handwerkszeug für die maschinelle, entwürdigende Abfertigung, die ihnen heute Nacht bevorstand: das knappe, billige Kostüm, unzählige Ersatzstrümpfe, literweise industrielles Gleitgel und ihre kleine, essenzielle Apotheke. Vor allem die starken, betäubenden Schmerzmittel und die Salben würde sie heute Nacht dringender brauchen denn je, um körperlich und geistig nicht völlig den Verstand zu verlieren.
Sie trugen ganz normale, unauffällige Alltagskleidung. Ungeschminkt, mit dunklen Rändern unter den Augen, hätte auf der Straße niemand in ihnen die perfekten Fleischpuppen erkannt, als die sie gleich vor der Menge hergerichtet werden würden. Der alte Transporter hatte hinten keine Fenster, was das erdrückende Gefühl, lebendig begraben zu sein, nur noch verstärkte. Mia tastete ziellos über das verdreckte Bodenblech und stieß auf einen Stapel zerknitterter Flugblätter, die der Fahrer vorige Woche großzügig und wahllos in der Stadt verteilt hatte, um die Männer anzulocken. Einige dieser Blätter lagen noch verstreut und zertreten im Fußraum des Wagens herum.
Mia schnappte sich eines der letzten sauberen Exemplare und knipste eine kleine Taschenlampe an. Der Lichtkegel zitterte über das billige Papier.
„Wow … Clara“, flüsterte Mia und hielt den Lichtstrahl direkt auf das Foto. „Auf diesem Bild warst du noch richtig jung.“
Sie hielt Clara den Flyer hin. Das Bild zeigte ein Mädchen, das frisch, knackig und völlig unverbraucht in die Kamera lächelte – ein brutaler, schmerzhafter Kontrast zu der leeren, ausgemergelten Hülle, die Clara heute war.
„Ja, und heute …“, mischte sich Roxy ein, beugte sich vor und tippte auf eine andere Ecke des Papiers. „Roxy, ohne Schwangerschaftsstreifen.“ Sie lachte nervös auf, ein kurzes, kratziges Geräusch, und boxte Mia leicht in die Seite. „Kampfspuren, Mädchen. Das sind verdammte Kampfspuren.“
Doch das Lachen erstickte augenblicklich wieder in der stickigen Luft. Niemandem in diesem fensterlosen Bus war auch nur im Entferntesten nach Lachen zumute.
Neben ihr saßen Mia und Roxy, die beiden Fluffer-Mädchen, wieder stumm in der erdrückenden Dunkelheit, ähnliche pralle Taschen auf dem Schoß, den leeren Blick starr ins Nichts gerichtet. Es lag etwas so Abgründiges in diesem Laderaum, das keine der drei beim Namen nannte, weil es keinen Namen brauchte. Es war die exakte, grauenhafte Stimmung von Verurteilten auf ihrer letzten, unausweichlichen Fahrt zur Richtstätte. Keine einzige von ihnen wollte hier sein. Niemand freute sich auf das, was kam. Jede Faser ihres Körpers wehrte sich angewidert gegen das, was sie gleich für Geld tun mussten, doch die bittere Armut zwang sie gnadenlos dazu.
Roxy kratzte mit dem Daumennagel wie manisch an ihrem Lack, Schicht für Schicht, ohne es wirklich zu merken. Mia hatte sich eine Haarsträhne vors Gesicht gezogen und suchte im fahlen Dunkel verbissen nach Spliss, immer und immer dieselbe Strähne. Jede versuchte auf ihre verzweifelte Weise, die panische Anspannung irgendwohin abzuleiten, sie förmlich aus den Fingern zu schütteln. Bei keiner funktionierte es. Clara saß völlig still da, den Kiefer schmerzhaft fest zusammengebissen, und atmete langsam durch die Nase, so wie sie es sich vor Jahren mühsam beigebracht hatte – aber ihre Hände lagen so verkrampft um den Tragegurt der Tasche wie um das Geländer einer Brücke vor dem finalen Sprung.
Roxy sah zufällig zu Clara hinüber. Von ihnen dreien hatte Clara heute mit Abstand den härtesten, zerstörerischsten Job vor sich: fünfzig Schwänze, mindestens, einer nach dem anderen, ununterbrochen, alle in sie hinein. Roxy und Mia mussten sich wenigstens nur die demütigende Vorarbeit teilen, jede die Hälfte. Und trotzdem schauderte es Roxy schon jetzt, hier im Dunkeln, bei dem bloßen, ekligen Gedanken daran – ein fremdes, ungewaschenes Glied im Mund zu haben, während derselbe grobe Kerl ihr gleichzeitig erbarmungslos an die Brüste fasste, und manche griffen sogar ungefragt noch weiter runter zur Möse, als wäre das selbstverständlich im Preis inbegriffen. Sie schob den ekelerregenden Gedanken mühsam weg und kratzte weiter panisch an ihrem Lack.
Auch Mia hing ihren eigenen, dunklen Gedanken nach. Sie hoffte inständig und betete fast, dass diesmal keine widerlichen Stinker dabei waren – Kerle, die es mit der Hygiene nicht so genau nahmen, die sich tagelang nicht gewaschen hatten und trotzdem wie selbstverständlich erwarteten, dass man ihnen den dreckigen Schwanz in den Mund nahm. Grenzen hatte natürlich auch Mia. Aber die lagen inzwischen weit, weit draußen, so weit, dass sie sie in diesem Sumpf fast nie zu Gesicht bekam. Dazu machte ihr heute ein fauler Zahn schwer zu schaffen, ein ständiges, dumpfes Pochen hinten links, und ausgerechnet heute würde sie den Kiefer wieder unzählige Male weit aufreißen müssen, bis es knackte. Das Wichtigste war, die stumpfen Kerle mit der flachen Hand am Becken gewaltsam auf Abstand zu halten; sonst stießen sie so gnadenlos tief zu, dass es furchtbar schmerzte und Mia unweigerlich würgen ließ. Sie sah auf die leuchtende Uhr. Bald ging die Hölle los. Aber das half ihr nicht, im Gegenteil. Wäre es doch nur schon eins in der Nacht, dachte sie verzweifelt, dann läge all dieser Schmutz hinter ihr und der Transporter ratterte längst wieder durch die Dunkelheit in Sicherheit.
Sie waren vor gut einer Stunde an einem abgelegenen, unauffälligen Pendlerparkplatz am Stadtrand wie Schlachtvieh eingesammelt worden. Die eiserne, unabdingbare Regel in diesem speziellen, dunklen Gewerbe besagte: Niemals mit dem eigenen Auto direkt zur Location fahren. Die Anonymität dieses fensterlosen, rollenden Grabes war ihre einzige Lebensversicherung. Viel zu oft hatte es in der Vergangenheit irre, gefährliche Spanner gegeben, die den Mädchen nach dem Event aus der Dunkelheit heraus bis direkt vor die eigene Haustür gefolgt waren.
Vorne auf dem durchgesessenen Fahrersitz drehte sich einer von Mikes bulligen Helfern schwerfällig um und reichte drei dicke, weiße Briefumschläge nach hinten ins muffige Dunkel.
„Hier, Ladys. Wie vereinbart“, brummte er emotionslos. „Kurzes Update vom Boss für heute Nacht: Wir rechnen mit fünfzig, maximal sechzig Männern bei dieser Gangbang-Party. Das heißt, es wird eine verdammt straffe Taktung. Wir müssen dreißig pro Stunde durchkriegen.“
Dreißig pro Stunde. Zwei mickrige Minuten pro Mann. Clara schluckte schwer gegen den plötzlichen, würgenden Widerstand in ihrer Kehle an, riss ihren Umschlag an der Ecke ein und fühlte routiniert mit dem Daumen über die kühlen, schmutzigen Scheine. Fünfhundert Euro. Mia und Roxy bekamen jeweils zweihundertfünfzig. Ein lächerlicher, demütigender Schnitt für zwei Stunden extrem harte, schmerzhafte und ekelerregende Schwerstarbeit, bei der sie am Ende kaum noch wissen würden, wo oben und unten war. Aber sie alle brauchten das Geld. Alle drei. Verzweifelt.
Clara rechnete stumpf im Kopf, so wie sie immer rechnete. Wenigstens hatte die Mutter geschlafen, als sie vorhin die Wohnung verlassen hatte – Gott sei Dank, keine hysterische Szene, kein Geschrei, keine zersprungene Tasse im Waschbecken. Nach der Schicht würde sie Mike um etwas Meth anbetteln müssen. Ein bisschen was für die Alte, das reichte bis nächste Woche, und eine ruhiggestellte Mutter war eine Mutter, die keine neuen, schmerzhaften Löcher in Claras sowieso schon ruiniertes Leben riss. Es war absolut kein schöner Gedanke. Aber schöne Gedanken hatte Clara sich vor langer, langer Zeit endgültig abgewöhnt.
Der Fahrer ließ den Arm entspannt auf der Lehne ruhen und grinste schief und obszön ins schummrige Dunkel. „Und der Boss lässt ausrichten: Wenn wir heute über die fünfzig drüberkommen, gibt es für jede von euch nochmal einen glatten Hunderter extra auf die Kralle, wenn ich euch nachher wieder einsammle.“
Niemand jubelte. Die ohnehin schon schwere Stille im Laderaum wurde mit einem Schlag fast erdrückend. Ein Hunderter mehr bedeutete noch mehr Gewicht, noch mehr stinkende, keuchende Körper, noch mehr rohe Reibung auf ohnehin schon brennender, wunder Haut. Clara spürte, wie sich ihr Magen schmerzhaft zusammenkrampfte, doch sie nickte bloß stumm und besiegt in die Dunkelheit. Um diese fleischliche, abartige Maschinerie überhaupt am Laufen zu halten, lag vorne auf der Mittelkonsole bereits eine braune Papiertüte mit billigem Wodka und fertig gedrehten Joints bereit. Die absolute Notwendigkeit, sich für das kommende Grauen betäuben zu müssen, lag wie dichter, giftiger Nebel im Raum.
Vorne warf der Fahrer einen taxierenden Blick in den Rückspiegel. Es war nicht der erste auf dieser Fahrt und würde sicher nicht der letzte sein. Drei Frauen im Halbdunkel, still, völlig erschöpft, zum Greifen nah – und für ihn so unerreichbar, als säßen sie hinter Panzerglas. Er hätte gern eine von ihnen gehabt, irgendeine, welche war ihm ehrlich gesagt völlig gleich. Aber die Mädchen waren Mikes Eigentum, seine Ware, und wer die Ware anfasste, ohne zu fragen, der fuhr nicht mehr lange für Mike. In diesem skrupellosen Gewerbe konnte so etwas einen mehr kosten als nur den miesen Job. Der Fahrer wandte den Blick wieder auf die dunkle Straße und ließ es bleiben, so wie er es immer bleiben ließ.
„Guckt mal, das hat meine Mutter mir heute Nachmittag geschickt“, durchbrach Roxy plötzlich leise die drückende, bleierne Schwere.
Als Roxy das Handy in die Mitte reichte, sah Mia, wie sehr Roxys Finger im fahlen Licht des Displays vor blanker Panik zitterten. Die nackte Anspannung stand ihr überdeutlich ins Gesicht geschrieben, und diese winzige, banale Abwechslung mit dem Video kam ihnen allen jetzt gerade recht – wie ein letzter, verzweifelter tiefer Atemzug vor dem sicheren Ertrinken.
Ein kurzes Video lief in Dauerschleife. Ein kleines Mädchen mit blonden Locken saß in einem Hochstuhl, patschte mit breiverschmierten Händen auf den Tisch und lachte unbeschwert in die Kamera.
„Baa-baa“, quietschte das Kind blechern aus dem winzigen Lautsprecher.
„Wie süß“, flüsterte Mia tonlos und beugte sich vor. Der gewaltige Kontrast zwischen der unschuldigen, reinen Kinderstimme und dem beißenden Geruch des fahrenden Puffs war kaum zu ertragen.
„Sie ist richtig groß geworden, Roxy“, sagte Clara leise.
„Ich weiß“, erwiderte Roxy. Sie strich wehmütig über den kalten Rand des Displays, und für eine Sekunde sah Clara die blanke Erschöpfung in den Augen der jungen Mutter. „Die neuen Kita-Gebühren fressen mich zwar komplett auf, aber … da weiß man wenigstens, wofür man sich gleich zerstören lässt.“
Der Transporter bremste abrupt ab. Die Frauen wurden unsanft nach vorne geworfen, das Handylicht erlosch, als Roxy das Gerät hastig wegsteckte. Das leise, mahlende Knirschen von Schotter unter den Reifen verriet Clara sofort, dass sie am Ziel waren.
„Okay, Mädels“, rief der Fahrer von vorne und stellte den rasselnden Motor ab. „Wir sind da. Rückseite vom alten Fitnesscenter. Gegen Mitternacht stehe ich hier mit laufendem Motor und sammle euch wieder ein.“
Die schweren Hecktüren schwangen mit einem kreischenden, metallischen Quietschen auf, und eiskalte Nachtluft schlug ihnen wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Clara griff den Tragegurt ihrer Tasche so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Die Zeit der menschlichen Realität war auf die Sekunde genau vorbei. Ab jetzt zählte nur noch das blanke Fleisch. Und das Geld.
* * *
Der Geruch nach altem Schweiß, feuchtem Beton und scharfem Reinigungsmittel hing schwer wie ein Leichentuch zwischen den verrosteten Spinden des ehemaligen Fitnesscenters. Clara saß auf einer zerschlissenen Hantelbank im abgetrennten Hinterraum und zog tief an dem Joint. Es fühlte sich an wie die letzte Zigarette eines Verurteilten vor dem Schafott. Keine von den Frauen wollte hier sein. Jede Faser ihres Körpers schrie vor Ekel und abgrundtiefer Scham auf, doch die nackte Existenzangst, die drängenden Schulden und die pure Verzweiflung um Geld hatten sie wie Vieh in diesen Raum getrieben. Clara hielt den Rauch einen Moment in den Lungen, bevor sie langsam ausatmete und den Stummel an Mia, eines der Fluffer-Mädchen, weiterreichte.
Neugierig, wie es weitergeht?
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