Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 6

Zwischen den Welten

Sieben Tage

Es gibt Momente, in denen du begreifst, dass ein Riss dein Leben für immer in ein Davor und ein Danach gespalten hat. Ein Zurück ist ab sofort unmöglich; die Brücken sind lautlos hinter dir eingestürzt.

Claras Atem ging flach und viel zu schnell. Ihre Gedanken rasten – hellwach – durch die drückende Stille dieses fremden Schlafzimmers. Jeder Muskel in ihrem Körper war bis zum Zerreißen angespannt, ein stummer, pochender Alarm in ihren Adern, der nicht leiser werden wollte. Alles um sie herum atmete das Fremde. Der herbe, schwere Geruch des Zimmers, das raue Gewebe der Bettlaken unter ihrer nackten Haut. Tief unter den Holzdielen vibrierte leise, aber stetig der dumpfe Bass der Jukebox, der aus der Bar direkt unter ihnen nach oben kroch. Die fast beängstigende Ruhe der Frau, die dicht hinter ihr lag und gleichmäßig atmete. Das Kissen unter Claras Kopf war kalt und klamm, durchtränkt von ihren eigenen, zerwühlten Haaren, die ihr wie ein physischer Beweis ihres totalen Kontrollverlusts an Hals und Stirn klebten.

Sie hatte sich Evelyn geschnappt.

Diese nackte Erkenntnis stand im Raum. Doch was in den ersten Sekunden wie ein Fehler, wie ein monströser Tabubruch gewirkt hatte, verwandelte sich nun in etwas anderes. Jetzt, da ihr Puls sich beruhigte und das Adrenalin verebbte, dämmerte ihr eine fast ketzerische Wahrheit: Diese sieben Tage der Entbehrung, der Dreck, der Hunger und die Todesangst waren nichts im Vergleich zu dem, was sie in dieser Nacht erlebt hatte. Es war kein bloßer Ausgleich gewesen, kein einfacher Tausch.

Sie wäre bereit gewesen, weit mehr zu opfern.

Hätte man Clara vorher gesagt, dass dieser Absturz notwendig war, um auch nur eine Sekunde dieser Freiheit zu spüren – sie hätte den Preis blind gezahlt. Mehr noch: Hätte man ihr gesagt, dass es nicht reichte, hätte sie alles gegeben. Sie wäre freiwillig an die Grenze dessen gegangen, was ein Mensch noch ertragen kann. Sieben Tage. Vierzehn Tage. Einundzwanzig Tage. Sie hätte die Hölle bis zur Selbstauslöschung durchschritten, nur um ein einziges Mal von diesem verbotenen Kelch zu kosten und zu spüren, was es hieß, wirklich am Leben zu sein.

Der Weg in dieses Bett hatte nicht mit einem Kuss angefangen, sondern mit einer Woche nackter Angst. Der rebellische Verstand, der einst beschlossen hatte, aus der Südstaaten-Bubble ihrer Familie auszubrechen, war in diesen sieben Tagen gegen eine Realität geprallt, die ihn brach.

Schon am Bahnhof war ihr naiver Freiheitstraum frontal an der Realität zerschellt, als eine Polizeistreife sie abfing. Ihre Eltern hatten sie sofort zur Fahndung ausgeschrieben. Nur die bloße Bürokratie – die Tatsache, dass sie volljährig war – hatte verhindert, dass man sie in Handschellen zurückschickte. Doch diese Freiheit war augenblicklich zerbröckelt. Die Adresse für den rettenden Job war ein Fake. Die Kaution weg. Der Koffer geraubt.

Die knappe Woche danach verschwamm zu einem einzigen, grauen Horrortrip, in dem der Hunger das Kommando übernahm. Der antrainierte Stolz, die Manieren des Südens – all das war beim ersten reißenden Magenkrampf egal geworden. Sie war zu einem Geist mutiert, der im Müll der Stadt nach Resten wühlte. Die ständige Panik, im Schlaf auf einer harten Parkbank ausgeraubt, misshandelt oder in den dunklen Ecken von Los Angeles noch krasser zugerichtet zu werden, hatte alles Zivile in ihr weggesprengt.

Und trotzdem war sie nie zur Polizei gegangen. Die körperliche Not der Gosse war extrem, doch die Panik, in die moralische Zwangsjacke ihres alten Lebens zurückgestoßen zu werden, war weitaus größer. Man hätte ihr einen unsichtbaren Spiegel vorgehalten, aus dem nicht nur die Polizisten, sondern vor allem ihr Vater sie verhöhnt hätten: Na, du kleines Stück Nichts. Hast du ernsthaft geglaubt, du überlebst da draußen? Sie wäre an den massiven Holztisch des Richters zurückgeschleift worden, hätte auf die Knie fallen, um Verzeihung betteln und wieder wie eine fehlerfreie Maschine funktionieren müssen. Alles ist besser als der Rückweg, war ihr tägliches Mantra gewesen, selbst als sie an diesem Morgen von einem Ladenbesitzer mit groben Besenstößen auf den rauen Asphalt getrieben worden war.

Bis diese fremde Frau einfach stehen blieb, das blutige Elend gepaart mit den Resten ihrer alten Würde scannte und sie in diese schummrige Bar mitnahm.

Dort stand Evelyn. Eine Frau, die keinen Schutz suchte, sondern Macht ausstrahlte. Eine Frau, die sich mit ihren Tattoos und glitzernden Piercings wie ein eigens designtes Schmuckstück inszenierte – unantastbar und souverän. Ihr wissendes, fast schon gefährliches Lächeln, mit dem sie Claras Elend abcheckte, war der Moment, in dem alles kippte.

In der Wohnung über der Bar hatte Clara zum ersten Mal seit sieben Tagen etwas Richtiges in sich hineingeschlungen, wild und gierig wie ein in die Enge getriebenes Tier. Unter dem heißen Wasser der Dusche hatte sie versucht, den zähen Dreck und die blanke Todesangst abzuwaschen. Ihr tiefstes Unterbewusstsein hatte in dieser fließenden Wärme begriffen: Die Wende ist da. Du hast überlebt.

Als sie aus dem Bad kam, nur ein viel zu kurzes Handtuch eng um den nackten, zitternden Körper geschlungen, stand Evelyn vor ihr. Und in diesem schummrigen Licht hatte sich plötzlich alles auf den Kopf gestellt.

Man hätte erwarten müssen, dass die erfahrene Evelyn der Wolf war, der sich das verletzliche Fleisch nahm. Aber es war das vermeintliche Opferlamm, in dem plötzlich ein unbändiger, völlig fremder Trieb erwachte. Clara hatte diese starke Frau angesehen und aus dem Nichts ein nacktes, rohes Verlangen gespürt – ein tief animalischer Drang, sich an das pure Leben zu klammern. Energie zu saugen.

Clara hatte das Handtuch fallen lassen.

Für den Bruchteil einer Sekunde stand Evelyn überrumpelt da, bevor Clara sie einfach zu sich heranzog und ihre Lippen auf diesen weichen, nach Rauch und Geheimnissen schmeckenden Mund presste. Es war ein Impuls aus purer Verzweiflung und Gier.

Andere Frauen mochten in einem solchen Moment in Panik geraten, weil die ungeschriebenen Regeln zwischen Männern und Frauen plötzlich ins Leere liefen. Clara hingegen besaß kein Drehbuch. Nicht einmal eines, das sie hätte verlernen müssen. Sie hatte keine Landkarte für Begierde, nur diesen rohen Trieb.

Ihre zitternden Hände glitten über Evelyns Schultern, und dabei traf sie etwas völlig Unerwartetes, fast Unheimliches: ein Spiegel-Effekt. Sie berührte Kurven und weiche Haut, und ihre Finger schienen blind zu verstehen, was sich gut anfühlen könnte, weil sie dieselbe Anatomie teilten. Es war ein absurdes Paradox, denn Clara hatte ihren eigenen Körper nie erkundet. Unter der Last von Gebeten und strengen Verboten war ihr die eigene Haut stets ein sündiges Rätsel geblieben. In diesem Rausch lernte sie sich selbst kennen, indem sie eine Fremde berührte.

Und genau dann war der Filmriss gekommen.

In dem Moment, als der erste Überlebensinstinkt verpuffte, brach Claras Mut in sich zusammen. Die Spaltung in ihrem Kopf riss auf. Die antrainierte Moral schrie entsetzt auf vor diesem Tabubruch, doch da war noch etwas anderes, etwas Profaneres: die Angst, entlarvt zu werden. Was, wenn Evelyn sofort merkte, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, was sie hier tat? Claras Knie wurden weich, ihre Hände begannen zu zittern, sie erstarrte in ihrer Unerfahrenheit.

Aber Evelyn spürte das sofort. Mit den Instinkten von jemandem, der genau weiß, wie kaputt Menschen auf der Flucht vor sich selbst sind, griff sie zu. Mit einer fließenden Bewegung schlossen sich ihre Hände um Claras Hüften, fest und besitzergreifend. Das ursprüngliche Kräfteverhältnis war sofort wieder da; der Wolf übernahm die Führung.

Für eine junge Frau, die ihr ganzes Leben lang zwanghaft funktioniert und sich kontrolliert hatte, war diese angebliche Niederlage eine Befreiung. In dem Moment, als Evelyn ihr die Entscheidung abnahm, durchflutete Clara eine Erleichterung. Endlich musste sie nicht wissen, wie es ging. Sie musste keine Erwartungen erfüllen. Sie konnte die Kontrolle abgeben. Evelyn kannte diese zerrissenen, verlorenen Mädchen. Sie diktierte das Tempo, souverän und auf eine raue Art fürsorglich, bis Clara sich dem fremden Terrain völlig ergab.

Und jetzt?

Stunden waren vergangen. Das gedämpfte Klirren von Gläsern und das Stimmengewirr aus der Bar unter ihnen waren längst verebbt. Die Nacht draußen vor dem Fenster war still geworden. Clara lag reglos da, die Beine leicht angezogen, zu einem schützenden Halbmond zusammengekauert neben der fremden Frau, deren Haut noch immer ihre eigene wärmte.

Sie starrte in die Dunkelheit, das feuchte Kissen im Nacken. Der Rausch war längst verflogen, doch die erhoffte Reue, das schlechte Gewissen, das man ihr ein Leben lang als Strafe für die Sünde prophezeit hatte, blieb aus. Sie suchte in ihrem zersplitterten Verstand nach einer Einordnung. Nach einem Wegweiser. Nach einer Antwort auf die Frage, wer sie eigentlich war und was ab morgen aus ihr werden sollte.

Aber es gab keine Antwort. Nur das leise, gleichmäßige Atmen von Evelyn. Und das Wissen, dass sie für genau diesen einen Moment alles geopfert hätte.

Irgendwann in den frühen Morgenstunden war Clara eingeschlafen. Ein Schlaf wie ein Sturz, traumlos und bodenlos, der Schlaf eines Körpers, der zu lange gegen sich selbst gekämpft hatte. Selbst die wenigen Sonnenstrahlen, die es bis zum späten Nachmittag durch die schweren, dunklen Vorhänge schafften und schräg über das zerwühlte Bett wanderten, vermochten es nicht, sie zu wecken.

Als sie schließlich die Augen öffnete, war das Erste, was sie spürte, die Stille in ihrem Kopf. Es war kein sanftes Erwachen; es war ein plötzliches Heraustreten aus einem dunklen Tunnel. Sie lag reglos da, das Herz schlug langsam und stetig, und für einen Moment war die Welt weit weg. Dann kam die Erinnerung: der Geruch von Evelyn, das Klammsein der Laken, die bittere Gewissheit ihres Absturzes.

Clara ließ sich Zeit. Sie dachte nicht daran, dieses Bett sofort zu verlassen. Stattdessen wickelte sie sich die schwere Decke wie einen schützenden Kokon eng um ihren schlanken Körper, bevor sie barfuß zu dem kleinen Tisch am Fenster hinüberging. Das Essen, das Evelyn ihr hingestellt hatte, war klassisches Bar-Food. Ein massiver Burger, eine ordentliche Portion Pommes, etwas welker Salat und ein paar traurige Alibi-Gurken und Tomaten, die wohl nur fürs Gewissen auf dem Teller lagen. Gestern wäre ihr das egal gewesen. Clara dachte angestrengt nach und versuchte, den Filmriss in ihrem Kopf zu flicken, doch sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, was genau sie in der vergangenen Nacht in ihrer blinden Gier eigentlich verschlungen hatte. Es war einfach nur Masse gewesen, roher Treibstoff für einen leeren Tank.

Heute war das anders. Sie aß langsam und bedacht. Sie nahm nur genau so viel zu sich, bis das schmerzhafte, hohle Ziehen in ihrer Magengrube verschwand und der Hunger verstummte.

Während sie leise kaute, wanderte ihr Blick forschend durch den Raum. Es war notdürftig eingerichtet, zusammengewürfelte Möbel, die vermutlich alle ihre eigene Geschichte hatten, aber es strahlte eine unerwartete, raue Gemütlichkeit aus. An den Wänden hingen vereinzelt Bilder, Postkarten und kleine Erinnerungen – Schnipsel eines Lebens, das Clara noch fremd war.

Schließlich ließ sie den Teller stehen und wandte sich dem Schrank zu, auf den Evelyn vorhin gedeutet hatte. Sie zog die hölzernen Türen auf. Sie durchsuchte die Fächer nicht, weil sie dringend etwas zum Anziehen brauchte. Nein, das hier war Spurensuche. Sie wühlte in dem fremden Stoff, um mehr über Evelyn zu erfahren, um die Frau zu entschlüsseln, der sie sich in der Nacht so bedingungslos ausgeliefert hatte.

Was sie fand, ließ sie unwillkürlich schlucken. Die Kleidungsstücke waren teilweise so knapp, bestanden aus so wenig Stoff und waren derart durchsichtig, dass sie in Claras alter Welt kaum als Unterwäsche durchgegangen wären. Spitze, Netz, dunkle Stoffe. Es war eine Garderobe für die Bühne, gemacht für hungrige Blicke.

Clara stand unschlüssig vor dem geöffneten Schrank, die Hände tief in dem fremden Stoff vergraben. Eigentlich sollte sie duschen. Aber sie zögerte. Das heiße Wasser würde nicht nur den kalten Schweiß abwaschen, sondern auch Evelyns Geruch und die Erinnerung an ihre harten, fordernden Berührungen einfach in den Abfluss spülen. Sie war noch nicht bereit, das loszulassen.

Neugierig, wie es weitergeht?

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