Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 4

Die Tochter der Sturmnacht

Prolog

Prolog

Die Wischer kamen nicht nach. Der Regen schlug in Böen gegen die Windschutzscheibe, seit Stunden schon, und hinter jedem Wischen lief das Glas sofort wieder zu.

Wenn es blitzte, sah Viktor für einen Lidschlag nasse Zypressen, die sich im Wind bogen, die Leitplanke, dahinter nichts.

Er umklammerte das Lenkrad und hielt auf die Stelle zu, an der er die Straße zuletzt gesehen hatte.

Neben ihm saß Nadja, beide Hände um ihren runden Bauch gelegt. Das Kind trat. Sie drückte die Handfläche gegen die Stelle, bis es wieder still lag.

„Fahr langsamer“, sagte sie nur, und ihre Stimme zitterte nicht.

Viktor nahm den Fuß vom Gas. Die Tachonadel sank. Er sah zu ihr hinüber. Sie sah auf die Straße.

So hatte sie schon mit sechzehn geschaut, das Mädchen aus der Fabriksiedlung, in der Schule zwischen den reichen Töchtern, die über ihre geflickten Ärmel lachten.

Nadja hatte die Ärmel hochgekrempelt und weitergeschrieben. Eingeschüchtert hatte sie keine. Sein Vater auch nicht.

„Eine Fabrikarbeiterin? Was sollen die Leute denken!“, hatte der alte Industrielle gebrüllt, als Viktor ihm von seinen Heiratsplänen erzählte. Die Tasse war dabei vom Unterteller gesprungen und auf dem Parkett zerbrochen. Viktor hatte die Scherben liegen lassen. Er war zu Nadja gegangen und bei ihr geblieben.

Heute, an ihrem ersten Tag als Eheleute, waren sie durch die Hügel der Toskana gefahren, hatten bei einer Kerze gegessen und über Namen für das Kind gestritten, bis die Kellnerin zweimal fragte, ob sie noch etwas wollten.

„Nicht nach deinem Vater“, hatte Nadja gesagt.

„Nach wem dann?“

„Nach jemandem, der nicht brüllt.“

Die Kerze war heruntergebrannt, und sie hatten noch immer keinen Namen gehabt.

Jetzt gab es nur den Regen und die zwei hellen Kegel der Scheinwerfer, in denen die Straße auftauchte und hinter der nächsten Kurve wieder verschwand.

Andere Scheinwerfer. Grell, viel zu nah, auf der falschen Straßenseite. Ein zweiter Wagen kam zu schnell aus der Kurve, und auf dem nassen Asphalt brach ihm das Heck aus.

Er schleuderte quer über die Fahrbahn, direkt auf sie zu. Viktor riss das Lenkrad herum.

Das Lenkrad drehte sich. Die Räder rutschten geradeaus weiter.

Der Aufprall warf ihn nach vorn in den Gurt. Glas barst, Metall kreischte, etwas schlug Viktor gegen die Stirn.

Danach hörte er nur noch den Regen auf dem zerbeulten Blech.

Ein Scheibenwischer lief weiter. Hin und her, hin und her, über einen Rahmen, in dem keine Scheibe mehr war.

Neben ihm stöhnte Nadja. Er tastete nach ihrer Hand. „Ich hol Hilfe“, brachte er hervor, doch sie hielt ihn fest.

„Geh nicht zu nah an den Motor“, flüsterte sie, Tränen auf dem Gesicht. „Es könnte brennen.“

Unter der aufgeworfenen Motorhaube stieg Dampf auf. Es roch nach Benzin und heißem Gummi.

Er ließ sie nicht los. Mit bloßen Händen kämpfte er gegen den verklemmten Gurt. Das Schloss gab nicht nach.

Er drückte, riss, drückte wieder, bis ihm der Daumennagel einriss und das Schloss mit einem Klacken aufsprang.

Die Tür auf ihrer Seite war verzogen. Er stemmte den Fuß gegen den Rahmen und zog, bis sie kreischend nachgab.

Er hob Nadja heraus, einen Arm unter den Knien, einen um den Rücken, trug sie die Böschung hinunter und bettete sie in sicherem Abstand auf die nasse Wiese.

„Bleib hier“, keuchte er und strich ihr über die Wange. „Rühr dich nicht.“

Nadja nickte. Ihre Hände lagen schon wieder auf dem Bauch.

Aus dem anderen Wagen schrie jemand. Hoch, gellend, ohne Pause.

Viktor fuhr herum.

Im Schein der noch brennenden Scheinwerfer blieb er stehen. Hinter dem zertrümmerten Steuer saß eine junge Frau, blass, das Gesicht voller Blut – und auch ihr Bauch war rund und schwer.

In der Faust hielt sie eine dünne Kette mit einem Medaillon.

Viktor zerrte an der verkeilten Tür, bis ihm die Finger bluteten. „Bleiben Sie wach!“, rief er, und seine Stimme brach.

Die Frau drehte den Kopf zu ihm. Ihre Pupillen waren schwarz und riesig, selbst im grellen Licht. Sie sagte etwas, das er nicht verstand, und schrie weiter.

Am Straßenrand hielten Scheinwerfer, Türen schlugen, fremde Hände griffen zu.

Ein Mann in Gummistiefeln setzte einen Wagenheber an die Tür und stemmte sich dagegen. Gemeinsam gelang es ihnen, beide Frauen aus den Wracks zu befreien.

Im Regen, der nicht nachließ, sank Viktor auf die Knie. Der Schlamm sog sich durch seine Hose, das Blut lief ihm warm über die Augenbraue.

Er wischte es nicht weg. Er sah nur zu Nadja, die man bereits auf eine Trage gehoben hatte.

Das Ospedale San Giacomo war die einzige Klinik weit und breit.

Die Leute aus den Dörfern kamen mit Schnittwunden vom Rebschnitt und mit Kindern, die Fieber hatten, und für mehr war das Haus nicht gebaut.

An der Pforte hing der Dienstplan für die Nacht. Drei Namen standen darauf: Dr. E. Bianchi. Paolo. Chiara.

Irgendwann in dieser Nacht fiel im ganzen Tal der Strom aus. Die Lichter der Höfe gingen aus, einer nach dem anderen.

Im Keller des San Giacomo sprang hustend das Notstromaggregat an und versorgte, was es versorgen konnte: den Operationssaal, zwei Monitore, die Notlampen in den Fluren. Den Rest nicht.

Paolo stand an der Pforte, den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr, und wählte die Nummer des Klosters Santa Chiara.

„Wir brauchen jemanden“, sagte er. „Egal wen.“

Eine Viertelstunde später stand Schwester Maria in der Notaufnahme, den nassen Schleier nach hinten gebunden, die Ärmel des Habits bis über die Ellbogen hochgeschoben.

„Was können Sie?“, fragte Paolo.

„Verbände wickeln. Fieber messen. Festhalten, wenn einer schreit.“ Sie wusch sich die Hände im Becken, gründlich, bis zu den Handgelenken. „Und beten. Sagen Sie mir, wo ich stehen soll.“

Paolo zeigte es ihr. Sie stellte sich hin und blieb dort stehen.

Die Rettungswagen trafen fast gleichzeitig ein. In einem lag Nadja, bewusstlos und stark blutend. Neben ihr saß Viktor und hielt ihre Hand, mit der einen, die er noch bewegen konnte.

Sein rechter Arm hing schief, und die Platzwunde an der Stirn ließ ihm das Blut übers Gesicht laufen, doch er wich nicht von ihrer Seite.

Der Notarzt, Dr. Enrico Bianchi, war ein junger Mediziner Mitte dreißig. Beim Überstreifen riss ihm ein Handschuh.

Neugierig, wie es weitergeht?

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